Tourismus

Die grüne Insel: Mallorca will nur noch Elektro-Autos und verbannt sogar Kaffeekapseln

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Der UN-Klimagipfel ging im Dezember in Madrid ohne greifbare Ergebnisse zu Ende, doch die spanische Urlaubsinsel Mallorca will sich von diesem Rückschlag nicht aufhalten lassen. Die Inselregierung will in Europas berühmtester Urlaubsoase auf eigene Faust die Energiewende einleiten und so zum Vorbild für andere Regionen im Mittelmeerraum werden.

Handeln tut Not, denn Mallorca kämpft mit grossen Klima- und Umweltproblemen: ein durch den Klimawandel langsam, aber stetig steigender Meeresspiegel. Eine verheerende Plastikflut im Meer und an Land. Auch die Luftverschmutzung macht der Insel zu schaffen. Etwa in der Inselhauptstadt Palma, wo Autokarawanen und Kreuzfahrtschiffe für bedenkliche Schadstoffwerte sorgen. Diese sind zuweilen so hoch, dass sie nach einer neuen Studie sogar die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation überschreiten.

Deswegen zieht die Regionalregierung der Balearischen Inseln, zu denen neben Mallorca auch Ibiza, Menorca und Formentera gehören, die Notbremse. Die spanische Inselregion beschloss ein ambitioniertes Klimaschutzgesetz, das Verbote von Verbrennungsmotoren und den schrittweisen Einsatz von sauberen Energieträgern vorsieht. Damit wird Mallorca zum spanischen Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel. Auch der Abfallflut, zu welcher der Massentourismus in grossem Masse beiträgt, wird der Kampf angesagt.

Stolz eröffnete jüngst der balearische Minister für die Energiewende, Juan Pedro Yllanes, in Palma Spaniens grösste Stromtankstelle. Die grosse E-Tankstelle markiert einen Meilenstein auf Mallorcas Fahrt in die Zukunft. An der Ladestation können zehn Autos gleichzeitig ihre Batterien aufladen. Weitere Ladestellen werden folgen. Schon bis zum kommenden Frühjahr soll inselweit alle 20 Kilometer eine Stromtankstelle stehen, in den nächsten Jahren wollen die Inselpolitiker ein Netz aus 1000 Ladestationen haben. Diese E-Offensive ist Teil der umweltpolitischen Wende, mit der sich Mallorca gegen den Öko-Kollaps stemmt.

Mallorca besonders betroffen

Auch auf der Badeinsel ist die Klimakrise längst angekommen, sagte Minister Yllanes dieser Tage. Die Balearen seien durch ihre Lage mitten im Mittelmeer ein empfindliches Territorium und befinden sich in besonders grosser Gefahr, warnte er. Seine regionale Mitte-links-Regierung rief deswegen formell den „Klimanotstand“ aus.

Immer heftigere Unwetter treffen Mallorca, das zwischen Nordafrika und Südeuropa liegt. Vor einem Jahr starben 13 Menschen nach einem noch nie gesehenen Jahrhundertregen, der in dem mallorquinischen Ort Sant Llorenç eine verheerende Schlammlawine auslöste. Auch in den letzten Monaten kam es auf der Insel immer wieder zu Überschwemmungen nach Starkregen.

Nach dem heftigen Unwetter auf Sant Llorenç waren Aufräumarbeiten angesagt.

Nach dem heftigen Unwetter auf Sant Llorenç waren Aufräumarbeiten angesagt.

Die Klimaforscher wiesen inzwischen nach, dass der durch Treibhausgase provozierte Temperaturanstieg im Mittelmeerraum deutlich schneller verläuft als andernorts. Sie prophezeien, dass sich auf Mallorca zunehmend das extreme nordafrikanische Wüstenklima breit machen wird.

Wenn das Tempo des Klimawandels nicht gebremst werde, so die Vorhersage der Wissenschaftler, könne der Meeresspiegel des Mittelmeeres bis Ende des Jahrhunderts um bis zu zwei Meter steigen. Das wäre das Ende für viele Traumstrände – sie sind Mallorcas wichtigstes touristisches Kapital.

Ab 2025 keine neuen Dieselautos mehr – auch nicht für Touristen

Deswegen versucht die Inselregierung mit einem radikalen Klimaschutzgesetz, das in Europa Massstäbe setzt, gegenzusteuern. Danach sollen von 2025 an keine neuen Dieselautos auf den Balearischen Inseln mehr zugelassen werden. Auch Touristen können von diesem Zeitpunkt an nicht mehr mit Dieselfahrzeugen einreisen. Zehn Jahre später, von 2035 an, soll ein ähnliches Verbot für Benzinfahrzeuge gelten.

Autovermieter müssen ihre riesige Wagenflotte aus rund 100'000 Mietautos bis 2035 komplett auf Elektrofahrzeuge umstellen. Zudem soll das einzige Kohlekraftwerk auf Mallorca geschlossen werden. «Wir wollen Inseln, die nicht die Umwelt verschmutzen», erklärte Francina Armengol, die balearische Regierungschefin. Spätestens 2050 wollen die Inseln eine klimaneutrale Energiebilanz haben.

Sogar Kaffeekapseln werden verbannt

Zeitgleich brachte die Balearenregierung ein Antimüllgesetz auf den Weg, mit dem vom Jahr 2021 an Tüten, Plastikgeschirr und andere Plastikartikel, die nicht aus kompostierbaren Materialien bestehen, verbannt werden. Das Verbot trifft sogar die beliebten Kaffeekapseln, soweit sie nicht recycelt werden oder biologisch abbaubar sind. „Wir produzieren immer mehr unnötigen Abfall“, heisst es im balearischen Umweltministerium. Damit müsse Schluss sein.

Die Tourismusbranche macht bei Mallorcas Öko-Wende mit. Der Reisesektor weiss, dass er am eigenen Ast sägt, wenn er es nicht schafft, nachhaltige Urlaubsangebote zu schaffen: Die Futouris-Stiftung, die von Reiseveranstaltern und Tourismuskonzernen getragen wird, räumt selbstkritisch ein, dass die Branche bisher einer der grossen Plastikmüllproduzenten auf Mallorca war. Einwegverpackungen, Plastikflaschen, Strohhalme oder kleine Portionspackungen am Frühstücksbuffet sollen abgeschafft werden.

Die Urlaubsbranche verspricht, «den durch den Tourismus anfallenden Plastikmüll erheblich zu verringern». Und sie wirbt bei ihren Reisekunden neuerdings für einen «plastikfreien Urlaub auf den Balearen».

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