„Der Attentäter hatte wohl seine Visitenkarte hinterlegt“, witzelte ein westlicher Diplomat in Ankara, nachdem der türkische Regierungschef Davutoglu nur wenige Stunden nach dem Terroranschlag im Regierungsviertel Cankaya einen „YPG-Kämpfer aus Syrien“ als Schuldigen präsentierte.

Seine Fingerabdrücke seien in dem mit Sprengstoff bepackten Fahrzeug, welches durch seine Explosion 28 Menschen in den Tod riss, gefunden worden. Dass die forensische Sensation von den Beschuldigten in Frage gestellt wurde, kommt nicht überraschend.

«Gezielte Eskalationspolitik»

„Wir haben keine Verbindungen zu dem, was in der Türkei passiert“, stellte der Vorsitzende der „Partei der Demokratischen Union“ (PYD), Salih Muslim, klar. Die Anschuldigungen seien vielmehr Teil einer „gezielten Eskalationspolitik“ gegen kurdische Parteien. Davutoglu suche in Wirklichkeit nach einem Vorwand für eine militärische Intervention in Syrien, die vermutlich schon längst erfolgt wäre, wenn nicht die USA ihr Veto eingelegt hätten.

Für Washington sind die syrisch-kurdischen Volksverteidigungsmilizen (YPG), bei denen es sich um den bewaffneten Arm der „PYD“ handelt, die effektivste Kraft im Kampf gegen die IS-Terrormiliz. Das inzwischen durch arabische und assyrische Rebellengruppen verstärkte Militärbündnis steht nur noch 30 Kilometer vor der „IS-Hauptstadt“ Rakka und startete gestern (DO) mit Unterstützung der US-Luftwaffe eine Grossoffensive zur Eroberung der ostsyrischen Dschihadisten-Hochburg Shaddadi.

Die militärischen Erfolge gegen den IS ermöglichten der „YPG“ die  bald vollständige Kontrolle von drei kurdischen Kantonen südlich der mehr als 700 Kilometer türkischen Grenze. Solange dort die sunnitischen IS-Terrormilizen standen, kamen aus Ankara keinerlei Beanstandungen. Die syrisch-kurdische Herrschaft betrachtet die türkische Regierung dagegen als „nationale Bedrohung“, weil ein syrischer Kurdenstaat seine Wirkung auf die mit der PYD politisch liierten Kurden in Ost-Anatolien vermutlich nicht verfehlen würde.

Aleppo als Einfallstor

Mit den Niederlagen des IS im Norden Syriens begann der türkische Einfluss in dem Bürgerkriegsland langsam zu schwinden. Regelrechte Panik herrscht in Ankara, seitdem die syrische Armee mit Unterstützung der russischen Luftwaffe begonnen hat, von Aleppo und Latakia aus zur türkischen Süd-Grenze vorzurücken. Die Region war eigentlich als Aufmarschgebiet für den Kaida-Ableger Nusra-Front und seine von Ankara unterstützten Partner vorgesehen. Die Eroberung von Aleppo, so die Hoffnung, sollte den Sturz des Assad-Regimes einleiten.

Dass der bewaffnete Widerstand einmal die Flucht ergreifen würde, war in den Planungen Ankaras ebenso wenig  vorgesehen wie der durchs Assads Truppen begünstigte Vormarsch der YPG zur strategisch wichtigen Grenzstadt Azaz. Deshalb sucht man schon seit Monaten nach Wegen zur Rettung der syrischen Verbündeten. Um ihnen zu helfen, müsste sich die türkische Armee erst gegen die kampfkräftigen syrischen Kurden behaupten, die – so paradox es klingt – mit den USA und Russland gleich zwei Supermächte als Partner an ihrer Seite wissen. Erst vor zwei Wochen durfte die PYG in Moskau eine offizielle Vertretung eröffnen. Seither werden auch Kurdenmilizen von der russischen Luftwaffe unterstützt.