Die internationale Euphorie angesichts einer möglichen Wiedervereinigung von Zypern ist gewaltig. Bei Ihren griechisch-zyprischen Landsleuten konnte ich dagegen wenig Begeisterung feststellen. Warum eigentlich?

Michael Theodoulou: Es gab schon so viele Versuche, den Konflikt zu lösen. Und alle sind bislang gescheitert. Skepsis ist daher angebracht. Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung sind die Kampagnen der grossen politischen Parteien gegen eine Lösung. Sie verhalten sich ausgesprochen negativ, was natürlich nicht ohne Folgen bleibt. Generell ist zu sagen, dass die griechischen Zyprer im Grunde keine Veränderungen wollen, Angst davor haben. Angst haben sie auch vor dem unberechenbaren türkischen Präsidenten Erdogan sowie den immensen Kosten einer Wiedervereinigung.

Dennoch soll eine Wiedervereinigung zum Greifen nahe sein. Woher kommt dieser Optimismus?

Noch nie in der jüngeren Geschichte hatten wir Politiker wie Staatspräsident Nikos Anastasiades und den türkisch-zyprischen Volksgruppenführer Mustafa Akinci, die wirklich mit ganzem Herzen auf eine Lösung hinarbeiten. Details ihrer Gespräche werden nicht veröffentlicht, um zu verhindern, dass der Plan vor einer Volksabstimmung von den Medien zerpflückt wird. Vier von sechs Verhandlungskapiteln scheinen abgeschlossen zu sein. Die territorialen Fragen sowie die Sicherheitsaspekte sind noch offen.

Zum Beispiel?

Die griechischen Zyprer bestehen auf eine Revision des Unabhängigkeitsvertrages von 1960, in dem den sogenannten Garantiemächten Griechenland, der Türkei und Grossbritannien weitreichende Interventionsmöglichkeiten eingeräumt wurden. Mit den bekannten verheerenden Folgen: 1974 besetzte die türkische Armee den Norden der Insel.

An Sicherheitsfragen könnten die Gespräche noch scheitern?

Sicherlich. Die Diplomaten im Umfeld der Gespräche sind aber optimistisch. Sie verweisen auf die Pläne Erdogans, der sein Land zu einem führenden Umschlagplatz für Erdgas machen möchte. Die Erdgasreserven im östlichen Mittelmeer sind gewaltig, ihre Ausbeutung ist ohne eine politische Lösung des Zypern-Konfliktes aber nicht möglich.

Zu den territorialen Fragen. Welche der 1974 besetzten Gebiete könnten die türkischen Zyprer zurückgeben?

Die sogenannte Geisterstadt Varoscha am Rande von Famagusta, die 1974 die Touristenhochburg der Insel war. Die griechischen Zyprer wünschen zudem die Rückgabe von Morphou im Nordwesten, was von der Gegenseite noch abgelehnt wird. Ein Kompromiss scheint aber möglich zu sein.

Im Jahr 2004 wurde der Lösungsplan von UNO-Generalsekretär Kofi Annan von den griechischen Zyprern in einer Volksabstimmung abgelehnt. Befürchten Sie, dass sich die Geschichte wiederholen könnte?

Ein wenig schon. Die Berichterstattung des Staatsfernsehens über die Wiedervereinigungsgespräche war damals sehr negativ. Das hat sich bis heute leider nicht geändert. Eines ist jetzt jedoch ganz anders als 2004: Damals hatten wir einen Präsidenten, der im Staatsfernsehen mit Tränen in den Augen für eine Ablehnung des sogenannten Annan-Planes warb und damit auch Erfolg hatte. Fast 80 Prozent der griechischen Zyprer sagten «Ochi» (Nein), während die Türken dem Plan zustimmten. Der jetzt amtierende Präsident Anastasiades ist dagegen ein grosser Befürworter der Wiedervereinigung und kämpft dafür mit all seiner Kraft.

Gibt es ein Zeitlimit für die Lösung des Zypern-Konfliktes?

Offiziell nicht. Aber jeder weiss, dass sich das «Fenster der Gelegenheit» spätestens Ende Januar 2017 schliessen wird. Bis dahin sollte der Vertrag fertig ausgehandelt sein. Die beiden Seiten haben noch zwei Monate Zeit, um die beiden Volksgruppen von der Wiedervereinigung zu überzeugen.

Gelingt das nicht…

…dann wird Zypern weiterhin ein potenzieller Konfliktherd bleiben. Mit allen negativen Konsequenzen: Wir werden keinen Wirtschaftsaufschwung erleben. Die Ausbeutung der Gasfelder wird schwierig, wenn nicht gar unmöglich, weil sich keine Investoren finden werden. Niemand kann sagen, wie sich Erdogan verhalten wird, wenn seine Gas-Pläne am politischen Unwillen der griechischen Zyprer scheitern. Überdies wird sich im türkischen Norden die «Taiwanisierung» fortsetzen, also eine De-facto-Anerkennung des Rumpfstaates durch zahlreiche, vor allem muslimische Staaten.

Michael Theodoulou (57) arbeitet als Berater und politischer Analyst für lokale und internationale Medienunternehmen. Er lebt in Nicosia.