Staatssekretärin Marlène Schiappa und ihr Ministerkollege Adrien Taquet drängten gestern die französische Justiz, Ermittlungen in der Affäre Epstein zu starten. «Es scheint uns wesentlich, dass eine Untersuchung eröffnet wird, um Licht in die Affäre zu bringen», erklärten die beiden Regierungsmitglieder in Paris. «Der Tod von Herrn Epstein darf die Opfer nicht um die Gerechtigkeit bringen, auf die sie Anspruch haben. Sie ist die Bedingung für den inneren Wiederaufbau und ihren Schutz», meinte Schiappa, die unabhängig von der Affäre im Herbst ein Gesetz gegen sexuelle Gewalt vor das französische Parlament bringen will.

Warum gerade Paris in der Epstein-Affäre aktiv werden soll, deutete Schiappa nur an: US-Ermittlungen hätten «Bezüge zu Frankreich» ans Tageslicht gebracht, meinte sie. Pariser Medien nennen auch Namen, etwa den des Modelagenten Jean-Luc Brunel. Er ist einer breiteren Öffentlichkeit wenig bekannt, spielt aber in der Modebranche seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle und lancierte über seine Agenturen auch bekannte Topmodels wie Jerry Hall.

Das australische Ex-Mannequin Zoë Brock hatte 2017 schriftlich behauptet, Brunel habe sie in den 1990er-Jahren als Minderjährige unter Drogen gesetzt und versucht, mit ihr Sexualverkehr zu haben. Als enger Freund Epsteins – er besuchte ihn offenbar Dutzende Male im amerikanischen Gefängnis – habe er diesem mehrere Mädchen im Alter von zwölf bis 24 Jahren in die USA vermittelt. Pariser Medien zitieren ferner aus dem Buch «Der schreckliche Handel mit schönen Frauen» des Journalisten Michael Gross. Darin gaben Vertreter der Modebranche schon 1995 zu Protokoll, Brunel sei eine «Gefahr» für die Models, weil er «Drogen und stumme Vergewaltigung» möge. Epsteins Hauptanklägerin Virginia Roberts Giuffre hatte bei ihrer Einvernahme 2016 erklärt, Brunel scheine «über ein Arrangement mit der amerikanischen Regierung verfügt zu haben», um für die Mädchen Reisedokumente zu erhalten.

In der Modehauptstadt Paris wird diese «French Connection» fast schamvoll diskret behandelt. Nur wenige Modemagazine wie «Marie Claire» brechen nun nach eigenen Worten das frühere «Gesetz des Schweigens». Fast scheint es, als ginge den Beteiligten erst jetzt auf, welche Verhältnisse in der Pariser Modeszene zumindest noch vor zwanzig oder dreissig Jahren geherrscht hatten. Die französische Staatsanwaltschaft liess gestern verlauten, sie prüfe, ob sie eine Untersuchung einleiten werde. Jean-Luc Brunel hatte die Vorwürfe schon beim ersten Epstein-Prozess 2015 «kategorisch» bestritten und erklärt, er habe «weder direkt noch indirekt an den Herrn Jeffrey Epstein zur Last gelegten Handlungen teilgenommen».