Am 14. Mai 1948 verlas ein untersetzter weisshaariger Mann ein Dokument. Es war die Unabhängigkeitserklärung von Israel. Oder die Gründungsakte des Staates Israel. Oder die Erklärung, dass man jetzt offiziell Krieg führen dürfe, nicht nur Israel, sondern auch seine Feinde gegen Israel. Es war auf jeden Fall eine historische Stunde.

Begonnen hatte sie allerdings viel früher. Vielleicht 1917, vielleicht 1896/97, vielleicht noch viel früher. Oder es war gar kein neuer Beginn, sondern einfach die Fortsetzung der Geschichte, die irgendwann in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts einen Unterbruch erlitten hatte, als die Römer Jerusalem zerstörten. Die Juden sahen dieses Datum jedenfalls als den Beginn eines solchen Unterbruchs, der Diaspora, obwohl sich keineswegs ein ganzes Volk zerstreut hatte.

1917 war das Jahr der sogenannten Balfour-Deklaration. Eigentlich war es nur ein Brief, den der britische Aussenminister Arthur Balfour an Lord Rothschild schickte. Dort drin war aber die Rede von einer «Heimstätte für die Juden» und dass das Empire dabei behilflich sein sollte, sie zu errichten. 1897 markiert die Geburtsstunde des offiziellen «Zionismus». Eine Bewegung, angeregt vom Publizisten Theodor Herzl, die Palästina wieder jüdisch machen sollte. Juden aus aller Welt sollten sich aufmachen und sich wieder in Palästina niederlassen.

Der Traum vom eigenen Land

Die zionistische Idee, der Traum vom eigenen Land, war unter den Juden nie erloschen. «Ziehe hinauf», hatte der alttestamentliche Gott die Juden seit Abraham immer wieder geheissen. Einige fassten ihn realistisch auf, andere sahen es symbolisch. Es gab eine theologisch inspirierte Auffassung, dass das Volk Israel eine Mission habe, ein Vorbild für die Völker zu sein.

Und um diese geistige Botschaft zu verbreiten, sollten die Juden zerstreut unter den Völkern leben. Aber nach dem zionistischen Kongress 1897 wurde die Idee immer politischer.
Einer, den die Vision besonders stark trieb, war ein junger Jude aus dem polnischen Plonsk: David Grün. Er widmete ihr buchstäblich sein Leben.

Und als David Ben Gurion verlas er am 14. Mai 1948 die Gründungserklärung des Staates Israel. Er war Israels erster Ministerpräsident. Allerdings war er weit davon entfernt zu sagen, er sei jetzt am Ziel. Denn die Herausforderungen begannen erst richtig.

Ben Gurion war der politische Leader der Juden in Palästina. Er war der Kopf der Mapai-Partei. Sie war aus der Histadruth entstanden, eine Art Gewerkschaft. Politische Kämpfe hatte er jede Menge durchzustehen, viele Rivalen auszustechen, den Kurs zu halten – eigentlich war er auch der einzige Überlebende einer Generation, welche begonnen hatte, Palästina jüdisch zu besiedeln. Der letzte Zionist gewissermassen und deshalb folgerichtig der erste Israeli.

Premierminister David Ben Gurion verkündet die Unabhängigkeit Israels.

Premierminister David Ben Gurion verkündet die Unabhängigkeit Israels.

Seine Situation in jenen Tagen war nicht einfach. Zwar war abzusehen, dass die Briten Palästina nicht würden halten wollen. Aber er hatte lange eine Politik mit den Briten betrieben. Der Vormarsch von Rommels Truppen in Nordafrika während des Zweiten Weltkriegs hatte die Juden in Palästina geschockt. Wer sollte sie vor Hitler bewahren?

Infrage kamen nur die Briten. Die Loyalität zu Grossbritannien hatten Ben Gurion und die Zionisten in ein schweres Dilemma gestürzt. Hitler vernichtete die Juden in Europa. Das wusste man seit 1942. Wie konnte man den europäischen Juden helfen? Die Briten wollten keine unkontrollierte Einwanderung, mit den Nazis zu verhandeln, duldeten sie aus Rücksicht auf die Verbündeten, vor allem die Sowjetunion, auch nicht.

Es gab Angebote von deutscher Seite – unter anderem auch das berühmte Angebot von Adolf Eichmann, der Juden gegen Lastwagen und Geld vor der Deportation bewahren wollte. Ben Gurion beharrte darauf, dass ohne Wissen und Einwilligung der Briten kein Deal möglich sei. Das trug ihm schwere Vorwürfe ein: Man hätte viele Juden aus Osteuropa retten können.

1922 hatte der Völkerbund Palästina den Briten als Mandatsgebiet übergeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war auf einmal nicht mehr klar, wer jetzt Palästina regieren würde. Die UNO hatte zwar 1947 den Teilungsbeschluss gefasst: Palästina sollte in ein jüdisches und ein arabisches Territorium aufgeteilt werden, Jerusalem mit seinen heiligen Stätten unter internationaler Verwaltung bleiben.

Sollte die jüdische Führung dem Teilungsplan zustimmen? Ein Ja wäre ein Ja zum eigenen Staat gewesen. Allerdings hätte es auch Krieg bedeutet. Eine richtige jüdische Armee gab es nicht. Es gab den Palmach, eine kleine Truppe, die militärisch ausgebildet war, und die Haganah, eine bessere Heimwehr, kaum bewaffnet.

Ihren Führern misstraute Ben Gurion. Nicht, weil er grundsätzlich etwas gegen Gewalt gehabt hätte, aber sie hatten ihm mit ihrem militärischen Aktionismus manche politische Pläne durchkreuzt. Und vor allem hatte Israel keine Waffen. Keine Panzer, keine Kanonen, keine Flugzeuge.

Der Einfluss von Golda Meir

Die USA schlugen vor, nach dem Abzug der Briten einen Waffenstillstand auszurufen. Sie befürchteten, ihre Boys müssten die Juden sonst vor den Arabern retten. Eine jüdische Niederlage würde allenfalls den Sowjets die Tür öffnen. Schliesslich war Kalter Krieg.

Ben Gurion war im Zweifel. Er wusste um den schlechten Zustand der Verteidigungskräfte. Daran war er nicht unschuldig. Er hatte es verpasst, rechtzeitig Streitkräfte aufzubauen, weil er es innenpolitisch nicht wollte. Drei Tage vor der Unabhängigkeitserklärung war aber klar, dass die Anstrengungen besonders von Golda Meir in den USA, Geld für die Aufrüstung aufzutreiben, erfolgreich gewesen waren. Es kam schweres Gerät ins Land, auch Messerschmitt-Kampfflugzeuge.

Also riskierte er den Krieg. Auf Grenzen anzuspielen in der Erklärung, hatte man tunlichst vermieden. Die USA hätten das auch nicht getan in ihrer Unabhängigkeitserklärung, war die offizielle Erklärung. Aber es war klar, dass man das Staatsgebiet vergrössern wollte. Die Teilungslinien entsprachen ungefähr der Besiedlung, zu verteidigen waren sie nicht. Und es bedeutete auch: Vertreibung. Ein schweres Erbe: Die palästinensischen Flüchtlinge belasten nicht nur Israel bis heute.