Wenigstens etwas haben die Kühe: Zeit, sich gegenseitig zu beäugen. 60 der gescheckten Vierbeiner stehen im Kreis und warten, dass die Melkschläuche ihre Euter leeren. Dann folgt schon die nächste Serie. 794 Milchkühe sind täglich abzufertigen. Auch wenn das weniger als 1000 sind, spricht man in Frankreich nur von der «ferme des mille vaches», dem Hof der 1000 Kühe.

Der riesige, 234 Meter lange Hangar, der eher auf eine Fabrik als einen Bauernhof schliessen lässt, befindet sich im nordfranzösischen Drucat an der Somme-Mündung. Für die Öffentlichkeit ist er nicht zugänglich; Journalistenanfragen werden seit Monaten abschlägig beantwortet. Dabei ist kein Bauernhof Frankreichs so gewaltig und so bekannt wie dieser. Und keiner ist so umstritten in Frankreich, dem flächenmässig grössten Agrarland der EU, das stolz auf seine Ess- und Lebenskultur ist und in seinem schönen weiten Land auf eine natürliche Landwirtschaft Wert legt.

Vorbild Deutschland

Der Initiator dieser Kuhfarm, der Bauunternehmer Michel Ramery, liess sich von deutschen Vorbildern inspirieren. 2011 packte er ein paar Dutzend Agrarfunktionäre und Lokalpolitiker in ein Flugzeug nach Hamburg, um zwei Grossbetriebe für 1000 Kühe zu besichtigten. Bald nahm sein Projekt Gestalt an. Und bald wurde es zu einem Politikum. Zuerst protestierten lokale Umweltschützer gegen die geplante «Milchfabrik», dann folgten die Confédération Paysanne, die drittgrösste Bauerngewerkschaft des Landes, sowie die Tierschützerin Brigitte Bardot. Meinungsumfragen ergaben eine klare Mehrheit der Franzosen gegen die «ferme des mille vaches».

Schlimme Zustände

Ramery erhielt aber die Baubewilligung und nahm den Betrieb in Drucat im September 2014 auf. Eine Weile wurde es ruhig darum; doch dann veröffentlichte die Ökoplattform Reporterre Luftbilder von verendeten Kühen, die aufgedunsen vor dem Hangar in Drucat herumlagen. Vor einem Monat berichtete ein entlassener Arbeiter über «Praktiken, die man aus der EU verschwunden geglaubt hatte», wie die Zeitschrift «L’Obs» meinte: Die Kühe seien erschöpft, abgemagert und schmutzig; mehr als die Hälfte hinke wegen ungepflegter Hufe. Die Tröge würden nur alle zwei Wochen gereinigt; kranke Tiere ohne Beizug eines Veterinärs «euthanasiert». Der Verantwortliche des Hofes, Michel Welter, musste einräumen, dass die Kuhsterblichkeit in Drucat «anfänglich» höher als anderswo gelegen habe; Zahlen publiziert er nicht. Dafür wurde bekannt, dass er die behördliche Zulassung für 500 Kühen klar überschritten habe. Das sei nur passiert, weil er die Kuhherde eines verstorbenen Züchters übernommen habe, bevor er die administrativen Genehmigungen habe einholen können, verteidigt sich Welter.

Paris laviert

Die Präfektur des Departementes Somme hat den Besitzer des Megahofs aufgefordert, die Herde auf 500 Tiere zu reduzieren. Das verlangt auch Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll in Paris. Er schwankt aber wie die ganze Regierung in Paris, welche Haltung sie gegenüber dem für Frankreich neuartigen Betriebsmodell einnehmen sollen. Nach neuesten Berichten sind in Frankreich bis zu 25 000 Milchbauern, Rind- und Schweinezüchter – etwa zehn Prozent – überschuldet und vom Konkurs bedroht. Seit dem Ende der EU-Milchquoten im April leiden viele unter den zerfallenden Preisen. Während die Getreidegrossbauern marktdominant sind, können diese meist bescheidenen Produzenten mit der ausländischen Konkurrenz kaum mehr mithalten.

Deshalb ist die Regierung in Paris wie die ganze französische Agrarwirtschaft gespalten, was die «ferme des mille vaches» anbelangt. Rentable Grosshöfe gelten als mögliche Antwort auf die dramatische Krise der französischen Kleinbauern. Welter rechnet vor, nicht einmal sein Riesenbetrieb werde noch wettbewerbsfähig sein, wenn er ihn auf 500 Kühe abbauen müsse. Gegenüber anderen europäischen – namentlich deutschen – Grossbetrieben könne er in diesem Fall nicht mithalten. «Bald werden die Franzosen nur noch deutsche Milch trinken», warnt er. «Dann wird es zu spät sein, unsere Landwirtschaft zu retten.»

Die linke Confédération Paysanne setzt dagegen auf die Konsumenten: «Ob in Deutschland oder Frankreich – die Leute sind bereit, etwas mehr zu zahlen, um Tierfabriken zu verhindern», sagte ein Sprecher der Gewerkschaft gegenüber der «Nordwestschweiz». Der öffentliche Druck hat bereits gewirkt: Genossenschaftlich organisierte Supermarktketten haben beschlossen, keine Milch mehr vom Hof der 1000 Kühe zu übernehmen. Auch die Kooperative Agrial in der Normandie verzichtet für die Herstellung ihrer Käse, Cremes und Joghurts darauf. An sich hat die Milch der 1000 Kühe mehrere Labortests bestanden. Aber solche technischen Daten sind längst nicht das einzige Argument im Land des Savoir-vivre.