Mit ihm war man nie allein. Oliver Ivanović war wohl der beliebteste Bürger von Nordmitrovica. Wenn er nicht in seinem Büro sass, so sass er im «Dolce Vita», jenem Café am Ibar, aus dem man die Brücke beobachten konnte. Die Brücke hinüber auf die andere Seite der Stadt, wo hauptsächlich Albaner leben, spielte im Leben von Oliver Ivanović eine herausragende Rolle.

Die Leute im Nordkosovo strömten zu dem freundlichen Mann, weil sie Vertrauen hatten, weil sie wussten, dass er Bescheid wusste und ihnen helfen konnte. Weil er so etwas wie der heimliche Bürgermeister von Nordmitrovica war. Am Dienstagmorgen wurde der 64-Jährige in seiner Heimatstadt aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Kurze Zeit später starb er im Spital an seinen Verletzungen.

Der serbische Präsident Aleksandar Vučić berief sofort eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrats ein und sprach von einem «Terrorakt». Er meinte, dass der Täter, selbst wenn er einen serbischen Namen haben sollte, «kein Serbe» sei. Die Tat sei gegen alle Serben im Kosovo und überhaupt gegen alle Serben gerichtet. Gleichzeitig sprach Vučić von kosovo-albanischen Politikern, die angeblich nach Serbien eindringen wollen.

Eskalation ist schnell möglich

Dabei ist ein ethnischer Hintergrund der Tat höchstwahrscheinlich auszuschliessen, die Hinweise führen eher zu kriminellen Strukturen. Der US-Botschafter im Kosovo, Greg Delawie, forderte die Bürger umgehend auf, jegliche gefährliche Rhetorik zu vermeiden und in dieser sensiblen Zeit ruhig zu bleiben. Im Norden des Kosovo, einer Region, in der sich die meisten Menschen Serbien zugehörig fühlen, haben schon in der Vergangenheit Zwischenfälle zu Eskalationen geführt. Im Kosovo sind zurzeit etwa 4000 internationale Kfor-Soldaten stationiert, die jederzeit eingesetzt werden können. Auch die Polizeipräsenz im Norden wurde deutlich erhöht. Die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini forderte Aufklärung und dass die Täter zu Verantwortung gezogen werden müssen.

Der Mord wurde ausgerechnet an jenem Tag verübt, an dem in Brüssel der Dialog zwischen Serbien und dem Kosovo wieder aufgenommen wurde. Der Dialog wurde nach dem Mord ausgesetzt. In der EU hat man die Sorge, dass die Gespräche, die zur Normalisierung der Beziehungen führen sollen, nun negativ beeinflusst oder sogar beendet werden könnten.

Ivanović gehörte zur serbischen Opposition und nicht zur Regierungspartei von Präsident Aleksandar Vučić. In den vergangenen Jahren hatte Vučić seine Getreuen im Nordkosovo installiert, um durchgreifen zu können. Ivanović wurde an die Seite gedrängt. Er kritisierte die Fortschrittspartei von Vučić, weil diese nur die «Serbische Liste» im Kosovo unterstützte. 2014 wurde Ivanović plötzlich wegen Kriegsverbrechen im Jahr 1999 verhaftet und 2016 von Richtern der EU-Rechtsstaatsmission Eulex zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Das Berufungsgericht hob das Urteil jedoch im Jahr 2017 auf und das Verfahren wurde neu aufgerollt.

Ivanović fühlte sich seit längerer Zeit bedroht. Erst vergangenen Juli wurde sein Auto angezündet – kurz zuvor hatte er angekündigt, mit seiner Liste wieder bei den Wahlen anzutreten. Ivanović meinte damals, dass er nicht glaube, dass Albaner hinter der Tat stecken würden. Andere Serben im Nordkosovo nannten das brennende Auto «eine politische Botschaft». Die Tat wurde nicht aufgeklärt. Denn die Kameras, die überall im Nordkosovo installiert sind, waren ausgerechnet in dieser Nacht ausgeschaltet. Ivanović ging davon aus, dass die Kriminellen Verbindungen zur Polizei haben würden. Er meinte, dass die Leute in Nordmitrovica heutzutage keine Angst mehr vor extremistischen Albanern, aber vor kriminellen und extremistischen Serben hätten, die Jeeps ohne Nummernschilder fahren.

Ivanović stammt ursprünglich nicht aus dem Norden, sondern aus dem Westen von Kosovo, und wurde in der Nähe des berühmten orthodoxen Klosters Dečani geboren. Sein Vater war Historiker, er selbst sprach viele Sprachen – unter anderem auch Albanisch. Er verbrachte aber schon seine Volksschulzeit in Mitrovica und besuchte in jugoslawischer Zeit die Militärakademie in Zagreb. Er war Karate-Trainer und leitete das Sportzentrum in Mitrovica, später wurde er Generaldirektor der Nickel-Bergwerks in Glogovac.

Im Krieg war Ivanović Chef der Brückenwächter, einer paramilitärischen Formation, die am Ibar patrouillierte, als der Konflikt zwischen Albanern und serbischen Sicherheitskräften eskalierte. Nach der Unabhängigkeit des Kosovo 2008 war er unter den Regierenden anerkannt und beliebt, weil er ein Mann des Ausgleichs war. Der besonnene Mann war mit Milena Popović verheiratet und hinterlässt drei Söhne.

«Ein Mann des Friedens»

Die passendsten Worte für ihn fand der Präsident der serbischen Oppositionspartei Demokratische Partei, Dragon Sutanovac. Er nannte Ivanović einen Mann der «Kooperation und Toleranz, einen Mann des Friedens». Die Kugeln, die ihn getroffen hätten, seien aus einer «Welt der Vergangenheit» gekommen. Tatsächlich konnte man von Ivanović niemals ein ausfälliges, rassistisches oder einseitiges Statement hören. Er versuchte immer, die verschiedensten politischen Kräfte und Interessen nachzuvollziehen und analysierte die Situation auf kluge Weise. Stets war er an der Zukunftsgestaltung für die Bürger interessiert, und er beruhigte die Menschen.

Doch Ivanović war nicht nur ein kluger Politiker, sondern auch ein echter Gentleman. Das letzte Mal, als er mit der Autorin dieser Zeilen im «Dolce Vita» sass und diese darauf beharrte, den Kaffee zu bezahlen, meinte er lächelnd und äusserst charmant: «Jetzt sind Sie schon so lange auf dem Balkan und wir kennen uns so viele Jahre und Sie haben die Regeln hier noch immer nicht gelernt.»