Serbien

«Die EU im Kopf, Russland im Herzen» – ein Land auf Identitätssuche

Am 24. März 1999 hat die Nato mit dem Bombardement Serbiens begonnen. 20 Jahre später zeigt sich das Land in einem diffusen Zustand zwischen zögerlichem Optimismus, Misstrauen und Lethargie

Es war der letzte Akt des definitiven Zerfalls Jugoslawiens. Nach dem blutigen Untergang des Vielvölkerstaats auf dem Balkan in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre, herrschte ab dem 24. März 1999 wieder Krieg in Europas Hinterhof.

Doch diesmal gab es eine neue Komponente: Zu den einheimischen Völkern, die einander zu dezimieren versuchten und sich in einer eskalierenden Gewaltspirale wiederfanden, gesellte sich das grösste Verteidigungsbündnis der Welt – die Nato. Darunter auch Deutschland, dessen damalige rot-grüne Regierung sich in einem moralischen Dilemma befand. Und so fielen 58 Jahre nach dem letzten Mal im Jahre 1941 erneut Bomben auf Belgrad.

78 Tage Bombenhagel

Wie konnte es so weit kommen? Der Westen konnte die zunehmenden Berichte über ethnische Säuberungen an Albanern nicht länger ignorieren. Bereits im vorherigen Balkan-Krieg liess das Massaker von Srebrenica von 1995, bei dem 8000 Bosniaken umgebracht wurden, die westliche Gemeinschaft alles andere als gut dastehen.

Das schwerste Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wurde praktisch vor den Augen machtloser UNO-Truppen begangen – und das just an einem Ort, welchen die UNO als sicheres Gebiet deklariert hatte. Ein derartiges Versagen der internationalen Gemeinschaft darf es nicht mehr geben – um keinen Preis – lautete der Tenor.

Diplomatische Bemühungen um Vermittlung zwischen der Regierung (Rumpf-)Jugoslawiens, welches aus Serbien und Montenegro bestand, und der politischen Vertretung der Albaner im Kosovo blieben fruchtlos. Deshalb entschied sich die Nato unter der Führung der USA für ihren ersten Kampfeinsatz ohne Zustimmung des UNO-Sicherheitsrats.

Im Rahmen der als humanitären Intervention bezeichneten Aktion folgten 78 Tage Bombardierung von militärischen und zivilen Objekten. Das Resultat: um die 500 tote Zivilisten und ein de-facto unabhängiger Kosovo.

Partymetropole Belgrad

20 Jahre später präsentiert sich Belgrad als weltoffene Metropole. Bei jungen Touristen, die fast überall in der Stadt anzutreffen sind, hat sich Serbiens Hauptstadt mit ihrem vibrierenden Nachtleben den Ruf als Partydestination erarbeitet.

Die Wirtschaft ist 2017 leicht um 1,9 Prozent gewachsen, die Weltbank erwartet für das Jahr eine Zunahme der Wirtschaftsleistung von bis zu 4 Prozent. Über die Vergangenheit wird ungern geredet – es scheint, als ob man fast abergläubisch die optimistischen Wirtschaftsaussichten nicht mit politischen Kommentaren sabotieren will.

Zudem beschäftigen aktuelle Probleme deutlich mehr. Wenn demonstriert wird, dann gegen den autoritären Regierungsstil von Präsident Aleksandar Vucic. Oder wie letzten Donnerstag wegen noch konkreterer Probleme, beim Protest einer Interessengruppe von Personen, die Kredite in Schweizer Franken aufgenommen haben. Sie fordern von der Regierung Hilfe für die durch Währungsschwankungen astronomisch angewachsenen Kreditraten.

Auf die regelmässigen Anti-Vucic-Proteste angesprochen, erntet man von den Einheimischen fast immer dieselben Kommentare: «Das ist etwas für Leute, die sich für Politik interessieren.» Auf die Bombenkampagne der Nato angesprochen, ist oft Schweigen die Antwort.

Dies spiegelt sich auch im Fernsehprogramm wider. Der staatliche Sender RTS sendet im Vorfeld einen zehn Jahre alten Dokumentarfilm über die Nato-Aktion. Privatsender zeigen eine Talkrunde mit Ärzten, in der über die langfristigen Gefahren der mit abgereichertem Uran versehenen Nato-Bomben debattiert wird. Auch bei den Fragen aus dem Publikum herrscht Fokus auf die Zukunftsperspektive: Wie können wir unsere Kinder und uns schützen?

Bei einem Bier oder ein paar mehr in den mit Cafés gesäumten Flaniermeilen kommt man doch noch ins Gespräch und kann auch einigermassen über die heikle Vergangenheit diskutieren. Etwa mit Dragoljub, der seinen Nachnamen für die Zeitung nicht nennen will («Entweder mein Nachname oder Diskussionen über Politik, nicht beides»).

Die Ausführungen des 60-jährigen Taxifahrers über den Krieg zeigen einen deutlichen Fokus auf die serbischen Opfer. Über die Gewalt im Kosovo selbst wird kaum gesprochen, dafür umso mehr über die Leiden durch die Bomben auf serbische Städte. «Die Nato wollte also die Zivilisten im Kosovo mit einer humanitären Intervention schützen – indem sie serbische Zivilisten bombardiert», sagt er mit bitterem Spott.

Die im Vorfeld als chirurgisch präzis angepriesenen Luftschläge, haben ihren Namen bei einigen Vorfällen kaum verdient. Bei uns wohl am deutlichsten in Erinnerung ist die fälschliche Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad, bei der drei chinesische Reporter ums Leben gekommen sind.

Die Aufzählung wird vorgesetzt: die Bombardierung eines Reisecars bei der Ortschaft Luzane – 46 tote Zivilisten, gleich zwei Raketenabschüsse auf denselben Passagierzug bei Grdelica – mindestens 20 tote Zivilisten.

Doch auch bei Dragoljub beisst man bei einigen Themen auf Granit. Über die Zukunft des Kosovos mag er nicht diskutieren. Wie sieht es mit dem Rest Serbiens aus? Die grosse Frage ist, wo sich Serbien in der internationalen Gemeinschaft sieht. Ist es die EU-Kandidatur mit einem derzeit wohl für viele in der Bevölkerung unvorstellbaren Beitritt zur verhassten Nato, wie es der Nachbarstaat Montenegro plant? Oder liegt die Zukunft doch bei der historisch gewachsenen Liebe zum grossen Bruder Russland?

«Die EU im Kopf, Russland im Herzen», ist ein verbreitetes Bonmot in Serbien. Was ist es nun, Russland oder EU? «Das mir in der Frage nur zwei Machtblöcke und nicht auch Serbien zur Auswahl gegeben wird, ist vielsagender als jede Antwort», sagt Dragoljub.

Den sarkastischen Umgang mit der schwierigen Vergangenheit und der ebenfalls nicht einfachen Zukunft in Serbien zeigt sich exemplarisch – wie könnte es auch anders sein – an einem speziellen Café. Im Lokal Pavle Korcagin ist das Thema die Nostalgie für die «guten, alten Zeiten» im Sozialismus. Regelmässig werden dort Speisen aus verschiedensten Winkeln der Welt – von Spanien bis Jamaika – zubereitet. Die Auswahl ist jedoch nicht willkürlich: Das Lokal serviert nur Gerichte aus Ländern, welche den Kosovo nicht als Staat anerkannt haben.

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