Bilder sagen mehr als tausend Worte, heisst es. Manchmal sind aber doch einige Worte nötig, um ein Bild zu erklären. Etwa jenes von Verdun. Ihr Handschlag wurde im ersten Moment kaum verstanden. Die Zeitung «Le Figaro» sprach von einer «Notlösung», die «NZZ» schnödete über die «demonstrative Ergriffenheit» einer «fast krampfhaft inszenierten Zeremonie».

Doch die diplomatische Geste ist geblieben, sie hat sich verankert im kollektiven Bewusstsein, ähnlich wie Willy Brandts Kniefall in Warschau. In Verdun entstand das Bild zweier Männer, die um das Gewicht der Geschichte wissen und die zusammen gedenken und trauern wollen. Und daraus wurde das Bild zweier Nationen, deren Beziehung nie einfach, nie sehr innig war, aber seither bestimmt wird durch den geteilten Willen zum «Nie wieder».

Der 22. September 1984 war ein kalter Samstag, es nieselte leicht, die Staatsgäste froren in ihren Mänteln. Die Trompetenklänge waren so trostlos wie die von Bombenkratern übersäte Mondlandschaft um Verdun. Die Zeremonie mit Kohl und Mitterrand fand vor dem Gebeinhaus von Douaumont statt, wo 130 000 unbekannte Soldaten beider Nationen in einem einzigen Massengrab liegen. Sie starben 1916 in der Schlacht von Verdun, einer der furchtbarsten aller Zeiten, einem monatelangen Gemetzel zwischen Nahkampf und Bombenhagel.

Kampf um jeden Schützengraben

Zum Angriff geblasen hatte der preussische Kriegsminister Erich von Falkenhayn, der die Franzosen «ausbluten» wollte, wie er sagte. Am 21. Februar um 8.15 Uhr nahmen 1000 deutsche Geschütze die französischen Stellungen unter Beschuss. Doch die Franzosen wollten von ihrem Land «keinen Daumenbreit» preisgeben – so ein Tagesbefehl von Marschall Joffre.

Erbittert wurde um jede Anhöhe, jeden Schützengraben, jedes Maschinengewehrnest gekämpft. Wie ein deutscher Frontsoldat ausrechnete, kostete jeder gewonnene Meter sein Regiment zwei Soldatenleben. Bis im Juli tobte der Kampf, dann blies Falkenhayn die Offensive ab und verlagerte Truppen an die Somme.

Nun schlugen die Franzosen zurück, um Fort Douaumont wieder in ihren Besitz zu bringen. Das Schlachten ging weiter. Ende Jahr war der ursprüngliche Frontverlauf wieder hergestellt. Weder die Deutschen noch die Franzosen waren weiter gekommen. Doch über dem Land um Verdun lag jetzt ein «Leichentuch», wie Erich Maria Remarque meinte.

Verdun – ein Symbol für den Stumpf- und Irrsinn einer unnützen Materialschlacht, eines mörderischen Gas- und Grabenkrieges, ja ganz einfach des Krieges. Nach Historikerangaben fielen in der Schlacht 300 000 Deutsche und Franzosen; weitere 400 000 wurden verletzt oder vermisst. Dazu kamen noch ungezählte Soldaten, die in dem permanenten Stahlgewitter durchdrehten und nach dem Krieg mit einem sogenannten «shell shock», einem Bombentrauma, in psychiatrischen Kliniken verschwanden.

Verdun ist aber auch ein Symbol für die jahrhundertealte deutsch-französische Rivalität auf dem Kontinent. Zufall oder nicht: In Verdun hatten die Enkel von Karl dem Grossen im Jahre 843, also mehr als 1000 Jahre zuvor, das fränkische Reich aufgeteilt und damit den deutsch-französischen Antagonismus begründet.

Vor der Schlacht von Verdun hatte es schon den franko-preussischen Krieg von 1870 gegeben, danach den Zweiten Weltkrieg. Aber nirgends verkrallten sich Deutsche und Franzosen so sehr ineinander, bekämpften sich so leidenschaftlich und zum Schluss so abgestumpft wie in Verdun.

Spontan oder nicht?

All das steckt in dem minutenlangen Händehalten Kohls und Mitterrands. Wie weit es eine spontane Geste war, ist ungeklärt. Auf jeden Fall war sie nicht im Protokoll vorgesehen. Ausgegangen ist sie von Mitterrand. Wie der deutsche Fernsehmann Ulrich Wickert beschreibt: «Der deutsche Kanzler war erleichtert über die Geste. Mitterrand, der seine Gefühle stets für sich bewahrte, blickte trotz seiner Gebärde weiter in sich hinein, während Helmut Kohl in diesem beklemmenden Augenblick erleichtert zu dem Franzosen hinüberschaut, dankbar für diesen scheinbar kleinen Ausdruck von Menschlichkeit.»

Zyniker meinten, der Franzose habe die Kanzlerhand während der Marseillaise nur ergriffen, um wiedergutzumachen, dass er die Deutschen einige Wochen zuvor nicht an die D-Day-Feiern des Zweiten Weltkrieges (6. Juni 1944) eingeladen habe. Die Erklärung greift aber zu kurz. Spekulieren lässt sich höchstens, ob das deutsche Schuldgefühl, das sich in Kohls sichtbarer Freude über die dargebotene Hand ausdrückte, eher dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg galt. Vielleicht beiden.

Zwischen Berlin und Paris ist die Debatte um die Kriegsschuldfrage bis heute nicht erledigt: Der französische Historiker Jean-Noël Jeanneney erklärte noch 2014, der Beginn des Ersten Weltkrieges sei von Deutschland gewollt gewesen, während es in Frankreich «sicherlich kein Verlangen» danach gegeben habe.

Differenzen, aber kein Bruch

Solche akademischen Streitereien über den Rhein hinweg bleiben fast so häufig wie die tagespolitischen Meinungsunterschiede. Pariser Stimmen werfen den Deutschen regelmässig Hegemoniegelüste vor, Berlin kritisiert dafür den Reformstau Frankreichs. Moralisch kommen die Dinge langsam wieder ins Lot, seitdem Angela Merkel den Syrien-Flüchtlingen die Arme öffnet, während Frankreich seine Grenzen abschottet.

Bestehen bleibt der Dauerstreit um die Agrar- oder Haushaltpolitik, den Asyl- und Syrienkurs. Nicht zu vergessen, versuchte Mitterrand die deutsche Wiedervereinigung 1989 zu hintertreiben. Seine Einwilligung erkaufte er sich mit Kohls Zusage zur Einführung des Euro.

Die Geschichte zeigt es seit 843: Der deutsche Adler und der französische Hahn sind an sich nicht für eine friedliche Koexistenz gemacht. Auch deshalb war der Handschlag von Verdun so wichtig. Die deutsch-französische Zeremonien mögen oft etwas bemüht, ja aufgesetzt wirken. Dafür kommt es seither nie mehr zum Eklat oder zum Bruch. Man bemüht sich stets und redlich, auf beiden Seiten.

Morgen Sonntag wird in Verdun ein deutsch-französisches Museum eröffnet. Ende Mai werden sodann 4000 deutsche und französische Jugendliche zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel und Präsident François Hollande in Verdun einen weiteren Staatsakt begehen. Und niemand wird mehr behaupten, das sei eine unnütze Gedenkfeier.