Weltuntergang

Die «Atomkriegsuhr» steht bedrohlich nah an Mitternacht

«2½ vor 12»: Die «Atomkriegsuhr» des «Bulletin of the Atomic Scientists» steht heute schon bedrohlich nah an Mitternacht.

«2½ vor 12»: Die «Atomkriegsuhr» des «Bulletin of the Atomic Scientists» steht heute schon bedrohlich nah an Mitternacht.

Seit über 70 Jahren zeigen Wissenschaftler auf der «Atomkriegsuhr», wie nah die Menschheit am Untergang steht. Am Donnerstag wird möglicherweise ein neuer Rekord verkündet. Das hat einen bestimmten Grund.

Wenn US-Präsident Donald Trump am Donnerstag in Davos eintrifft, bringt er auch den Mann mit dem «nuklearen Football» mit. Ein Soldat der US-Marines trägt Trump den gut 20 Kilo schweren Aktenkoffer mit den Codes für das amerikanische Atomwaffenarsenal hinterher, wohin der Präsident auch geht. Selbst bis in die Bündner Alpen.

Dass die Nuklearcodes der USA stets in Griffweite von Donald Trump liegen, findet eine weltweit anerkannte Gruppe von Atomwissenschaftlern alles andere als beruhigend. Kurz nach Trumps Amtsantritt vor rund einem Jahr erhöhte sie die Gefahrenstufe: Die Forscher, unter ihnen mehr als ein Dutzend Nobelpreisträger, sehen die Welt heute so kurz vor der Vernichtung wie seit 1953 nicht mehr. Und es könnte noch ernster werden.

Atomare Zeitverschiebung

Für die US-Zeitschrift «Berichtsblatt der Atomwissenschaftler» («Bulletin of the Atomic Scientists») berechnen Experten seit gut 70 Jahren, wie kurz die Menschheit davor ist, sich selbst zu vernichten. Um die Gefahr des Weltuntergangs für jedermann anschaulich zu machen, haben sie einen symbolischen Zeitmesser mit dem apokalyptischen Namen «doomsday clock» (wörtlich übersetzt: «Uhr des Jüngsten Gerichts», sinngemäss: «Atomkriegsuhr») geschaffen. Je näher der grosse Zeiger an der «12» steht, desto brenzliger.

Bei der Lancierung der Uhr im Jahr 1947 schätzten die damals zuständigen Experten die Bedrohungslage auf «sieben Minuten vor Mitternacht». Als 1953 die USA und die Sowjetunion jeweils mit den Tests ihrer Wasserstoffbomben begannen – der grössten und wirkungsvollsten aller Nuklearwaffen –, wurden die Atomkriegszeiger auf ihren bis heute bedrohlichsten Stand gestellt, auf «2 vor 12».

Einige Abrüstungsverträge (für die Fachleute: Atomwaffensperrvertrag, SALT I und II, START) und ein Kriegsende (das des Kalten) später, hatten sich die Atomwissenschaftler des «Bulletin» einigermassen entspannt und die Uhr auf 17 Minuten vor 12 gestellt. Als Anfang der 1990er-Jahre sowjetische Nuklearwaffen unauffindbar verschwanden, Indien und Pakistan in ihrem Dauerkonflikt auf nukleare Aufrüstung setzten und dann auch noch Nordkorea Atombomben testete, war es im Jahr 2012 plötzlich wieder «5 vor 12».

Die Bedrohung durch Cyber-Attacken, die immer schlechter werdenden Beziehungen zwischen den USA und Russland sowie die politische Gemengelage weltweit liessen die Uhr auf «3 vor 12» hochschnellen. Und die letzte halbe Minute, die zum heutigen Stand von «2½ vor 12» noch fehlte, steuerte die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten bei. «Globale Gefahr droht», liessen die Wissenschaftler Anfang 2017 wissen. «Die Uhr tickt.»

Eine Tendenz ist zu erahnen

Morgen Donnerstag gibt es laut «Bulletin» eine Ankündigung. Es droht die Anpassung der Uhrzeit. Freilich lassen die Wissenschaftler vorab nichts durchblicken. Von einer Entspannung ist allerdings nicht auszugehen. Im Gegenteil: Seit der letzten Anpassung erzielte Nordkorea Fortschritte bei der Entwicklung von Atomsprengköpfen und testete erfolgreich Interkontinentalraketen. Die Rhetorik zwischen Machthaber Kim Jong Un und US-Präsident Trump eskalierte mehrfach. Und wer die Einschätzung der Atomexperten des «Bulletin» zum «Umgang der Trump-Administration mit existenziellen Bedrohungen» aus dem vergangenen November liest, kann zumindest ahnen, wohin sich der Zeiger bewegen dürfte: Weiter auf Mitternacht zu. Die Experten sehen in Trumps Regierung ein «Defizit an Expertise, Geduld und Respekt für das normale Regierungshandeln». Beeinträchtigt davon seien die Beziehungen zu Russland, China, Nordkorea und Iran genau wie die Modernisierung des Nuklear-Arsenals sowie notwendige Anstrengungen bei der globalen Rüstungskontrolle.

Verstärkend kommt hinzu, dass die «Uhr des Jüngsten Gerichts» nicht ausschliesslich von der atomaren Bedrohung angetrieben wird. Weitere, von Menschen gemachte Technologien könnten es auf Dauer dunkel werden lassen, sind die Wissenschaftler überzeugt. Ob gewollt, wegen einer Fehleinschätzung oder gänzlich aus Versehen: Die Beförderung des Klimawandels sowie neue Bio- und Cybertechnologien könnten uns ebenfalls irreparablen Schaden zufügen.

In Sachen Klimawandel sei es der Trump-Regierung bisher zwar nicht gelungen, die Erfolge der Obama-Administration gänzlich umzudrehen, schreiben die Experten. Allerdings werde man rückblickend wohl vier vergeudete Jahre ausmachen können. Die Sorge sei, «dass die Risiken des Klimawandels uns keine vier Jahre der Verschwendung gestatten».

Die Experten betonen ferner den laschen Umgang mit der russischen Cyber-Attacke auf den US-Wahlkampf 2016. Auch eine nationale Strategie zur Abwehr eines Angriffs mit Biowaffen fehle gänzlich. Letzteres sei vor allem deshalb eine ernste Gefahr, weil wichtige Posten in den entsprechenden Behörden nicht besetzt und Gelder gestrichen wurden.

Wie nah uns das alles aus Sicht der Atomwissenschaftler an den Abgrund heranbringt, werden wir morgen sehen. Dann wird die Uhr neu gestellt.

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