Japan

Die Angst vor dem Strahlen-Tod

Ein Vater mit seinem Baby lässt seine Strahlung eruieren,

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Ein Vater mit seinem Baby lässt seine Strahlung eruieren,

Der Informationsminimalismus der japanischen Regierung wirft viele offene Fragen auf. Wie schlimm ist es wirklich? Was kommt auf Europa zu? Und ist Fukushima schlimmer als Tschernobyl? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Nuklearkrise.

Was ist eine Kernschmelze?

Durch das Erdbeben in Fukushima und der nachfolgende Tsunami droht der Super-Gau: Die Kernschmelze in Reaktorblock Eins. Durch das Erdbeben fällt die für die Kühlung des AKWs notwendige Stromversorgung aus. Auch die Notstromaggregate versagen. Die Temperatur des Kühlwassers steigt, bis es verdampft. Durch das fehlende Kühlmittel heizt sich der Reaktorkern unkontrolliert auf.

Die Brennstäbe erhitzen sich im schlimmsten Fall so stark, dass die schützende Hülle schmilzt, und sich das radioaktive Material am Boden des Reaktors sammelt. Das nennt man Kernschmelze. Durch die enorme Hitze fressen sich die geschmolzenen Brennstäbe durch den Stahlboden des Reaktors. Dicke Wände um eine Spezialwanne aus Keramik und Beton sollen das Austreten des hochradioaktiven Materials verhindern. Sollten die Sicherheitssysteme versagen oder durch das Erdbeben so stark beschädigt worden sein, droht dem gesamten Raum eine nukleare Katastrophe.

Wie gefährlich ist die radioaktive Strahlung für den menschlichen Körper?

Eine radioaktive Verseuchung schädigt den ganzen Körper, entscheidend ist die Intensität und Dauer der Strahlung. Die Haut rötet sich, die Hautzellen lösen sich auf, Patienten beklagen sich über Kopfschmerzen und Übelkeit. Die Haare fallen durch die stark ionisierende Strahlung aus.

Die Schilddrüse nimmt radioaktives Jod besonders leicht auf - bis zu 100 Prozent -, deshalb werden präventiv in AKW-Gebieten auch Jodtabletten verteilt. Die Krebesgefahr ist in der Schilddrüse besonders hoch. Iod-Isotope lagern sich auch in den Knochen ab und schädigen das Knochenmark, das für die Blutbildung verantwortlich ist.

Auch die Lunge wird beim Einatmen von radioaktivem Staub belastet. Auch hier herrscht hohe Krebsgefahr!

Bei einer Kernschmelze mit Zerstörung des Sicherheitsbehälters werden die in den Brennelementen enthaltenen radioaktiven Stoffe Uran, Plutonium und Spaltprodukte wie Krypton, Strontium und Cäsium in die Umgebung freigesetzt. Das chemische Element Cäsium trägt eine hohe Radioaktivität in sich und belastet auch Leber und Niere stark. Es schädigt zudem das Muskelgewebe. Auch hier: Hohe Krebsgefahr!

Hohe Strahlendosen zerstören auch die Magen- und Darmwände. Übelkeit und Erbrechen sind die Folge, auch innere Blutungen können erfolgen. Betroffen sind auch die Eierstöcke. Radioaktive Strahlung kann Eierstockkrebs hervorrufen.

Wie häufig sind Krebserkrankungen durch Radioaktivität?

Ärzte unterscheiden zwischen zwei Ursachen für die Strahlenerkrankung: Von Kontamination spricht man, wenn die Haut durch die radioaktive Strahlung getroffen wird. Von Inkorporation wird gesprochen, wenn die Substanzen eingeatmet, gegessen oder getrunken werden. Strahlenbelastungen für Menschen entstehen zunächst vor allem durch Einatmen und äussere Bestrahlung durch die in der Luft befindlichen radioaktiven Stoffe.

Die Belastung kann vor allem im Nahbereich des Reaktors eine Höhe erreichen, die durch Genom-Veränderungen langfristig zu einem erhöhten Leukämie- und Krebsrisiko führt. Krebs tritt häufig erst Jahre bis Jahrzehnte nach der Strahlenexposition auf, die Wahrscheinlichkeit hängt von der Höhe der Strahlenbelastung ab.

Zu den Langzeitfolgen von Strahlenerkrankungen zählen Krebsformen wie Leukämie oder Lungenkrebs. Ausserdem kann es zu Erbschädigungen kommen, zum Beispiel Missbildungen bei Nachfolgegenerationen.

Ist Japan schlimmer als Tschernobyl?

Die Situation in Fukushima ist eine ganz andere als diejenige in Tschernobyl. Erstens schalteten sich die beiden japanischen Reaktoren automatisch ab, als die Seismometer im AKW das Erdbeben verspürten. Damit wurde die Kettenreaktion im Reaktor unterbrochen. In Tschernobyl dagegen geriet der Reaktor bei vollem Betrieb in einen instabilen Zustand, der in eine unkontrollierte Kettenreaktion mündete. Zurückzuführen ist dies auf den Reaktortyp in Tschernobyl. Er gilt als wesentlich unstabiler als jener in Fukushima, weil in Reaktortypen wie Tschernobyl Grafit statt Wasser als Moderator eingesetzt wird.

Ausserdem waren sie Steuerstäbe, mit denen der Reaktor ausgeschaltet werden kann, in Tschernobyl falsch angelegt. Wegen dieser Konstruktionsmängel stiegen in Tschernobyl Druck und Temperatur so stark an, dass der Reaktorkern explodierte. Anders als in Fukushima gab es in Tschernobyl auch keine äussere Schutzhülle, welche die Strahlung hätte zurückhalten können. Denn in der ehemaligen Sowjetunion wurden während 10 Tagen gewaltige Mengen an Radioaktivität in die Luft freigesetzt. Der Wind verteilte die gefährlichen Isotope über ganz Europa. Bersten die Gefässe und radioaktive Strahlung tritt aus, wäre das bei drei betroffenen Reaktoren durchaus mit Tschernobyl zu vergleichen. Allerdings wurde in Fukushima schon viel früher mit der Evakuierung begonnen.

Was ist ein GAU und Super-GAU?

Atomkraftwerke müssen mit ihrer Sicherheitstechnik für einen solchen grössten anzunehmenden Unfall (GAU) ausgerüstet sein. Ihre Sicherheitssysteme sollen eigentlich so ausgelegt sein, dass auch die schwerste Störung noch beherrschbar ist - das ist Bedingung für die Genehmigung. Die Umwelt wird dabei nicht über die Grenzwerte hinaus mit Strahlen belastet.

Ein Super-GAU dagegen ist ein aus der Kontrolle geratener Nuklear- Unfall. Wenn der Störfall nicht mehr beherrschbar ist, kommt es zu einer Kernschmelze. Ein Super-GAU ereignete sich im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl, wo es im April 1986 zu einer Kernschmelze kam. Der radioaktive Niederschlag ging damals auch in der Schweiz nieder.

Was bedeutet die INES-Stufe?

Atomare Unfälle werden weltweit auf der siebenstufigen sogenannten INES-Skala der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) bewertet. Die höchste Stufe 7 (»Katastrophaler Unfall») wurde bislang nur nach der Katastrophe von Tschernobyl ausgerufen.

Die japanischen Behörden stufen die Situation in Fukushima bislang als einen Unfall der INES-Stufe 4 ein. Diese ist definiert als ein Ereignis mit geringer Strahlenfreisetzung und lokalen Auswirkungen.  Der erste GAU der Geschichte ereignete sich 1969 in einem Versuchsreaktor in Lucens VD. Dabei war es zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen. Da der Versuchsreaktor in einer Felskaverne lag kamen keine Menschen zu schaden. Auf der INES-Skala wird der Unfall mit 4-5 (Unfall/ernster Unfall) eingestuft.

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