Weltuntergang

Die 200 Seelen im Auge der Apokalypse

Quelle: Flickr

Über eines herrscht im "Relais de Bugarach" Einigkeit: Im Berg rumort es.

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Bugarach, ein kleines Dorf in Südfrankreich, soll von dem weitherum prophezeiten Weltuntergang des 21. Dezember verschont bleiben. Im neuen Mekka des New Age halten 200 Seelen den Atem an.

Über eines herrschtim «Relais de Bugarach» Einigkeit: Im Berg rumort es. «Es hört sich an, als würden tief unten dicke Steintüren gewälzt», meint Tiphanie, eine Schweizer Fotostudentin mit einem schwarzen Kreis auf der Stirn. Patrice, der Patron des Esoteriker-Ladens, fühlt sich angesichts der Vibrationen, als stehe er auf der aktiven Membran eines Lautsprechers. «Genau, das ist es», bestätigt David, Archäologe und Ufologe. «Mit diesem Berg ist etwas los, und ich wünschte mir, es kämen einmal ein paar Forscher vorbei, um das abzuklären», meint Patrice, der auch Fotos hat, durch die ein Objekt fliegt. «Das ist keine Mücke, kein Helikopter», lacht der Aussteiger aus Belgien, der in seinem früheren Leben Börsenhändler war. «Aber was ist es denn?» Zumindest für David ist die Antwort natürlich klar.

Beim Verlassen des Ladens ist es schon dunkel, und die 1230 Meter hohe Silhouette des Bugarach-Felsens erhebt sich fast drohend über das wie ausgestorbene Dorf. Man nennt ihn den «umgekehrten Berg», weil er bei der Bildung der Pyrenäen vor Millionen Jahren sozusagen den Purzelbaum machte, sodass die älteren Schichten heute über den jüngeren liegen. Wie ein vorsintflutliches Ungetüm steht der Fels in einer Landschaft von mystischer Schönheit.

Wegen seinergeologischen Kuriosität birgt der Pic de Bugarach zahlreiche Kalksteingrotten. An einem der Höhleneingänge hörte ein gewisser Jean de Rignies vor 20 Jahren auffällige rhythmische Geräusche. Der 70-jährige Magnetiseur erklärte, dabei handle es sich zweifelsfrei um den Widerhall eines Ufo-Bahnhofs. Damit kam der Stein ins Rollen. Eine spätere Untersuchung ergab zwar, dass die Geräusche vom Motor des Tonbandgerätes stammen. Doch das war sekundär: Über Internet erschienen Meldungen, am 21. Dezember 2012, wenn laut Maya-Kalender die Welt untergehe, warte im Pic de Bugarach ein Raumschiff mit bis zu 80000 Sitzplätzen, um Überlebenswillige zu retten.

Bugarach, dieser verlorene Winkel, machte plötzlich Schlagzeilen als letzte Zuflucht vor der neusten Apokalypse. Gurus, Seher und keltische Schamanen organisierten Reisen auf den Pic. «Ab 2010 explodierten auch die Bodenpreise im Ort», erinnert sich der Immobilienagent Bernard Cervières. «Ich empfing Kunden, die barfuss kamen, Bäume umarmten und alte Gemäuer in Seminarräume verwandeln wollten.»

Der Bürgermeister von Bugarach, Jean-Pierre Delord, zeigt gerne Briefe, die er aus aller Welt erhält. Ein «Ausserirdischer des Siegels von Sirius I.» setzt ihn etwa ins Bild, dass sich der Name Bugarach aus «Bu» und «Garage» zusammensetze; am 21. Dezember werde er mit seinem eigenen Raumschiff selbst aus dem Bermudadreieck anreisen. Ein anderer Briefschreiber kündigte an, er werde zur Vorbereitung des 21.Dezember nach Bugarach kommen, «um im Wald ein Menschenopfer zu erbringen».

Der Gemeindevorsteher,dem der bauernschlaue Schalk ins Gesicht geschrieben steht, findet das nur noch halbwegs amüsant. Anfangs hatte er sich selbst noch auf das «Bugarach-Phänomen» aufgeschwungen und gegenüber Journalisten aus der ganzen Welt von einem «Lourdes des New Age» geträumt. Bis im Frühling ausserhalb von Bugarach die Leiche eines offenbar okkultistischen Obdachlosen gefunden wurde.

Heute begrüsst Bürgermeister Delord die drastischen Behördenmassnahmen gegen den erwarteten Massenauflauf am 21. Dezember: Die Präfektur des Departementes Aude will 500 Soldaten und Gendarmen nach Bugarach schicken, um den Zugang zum Pic zu verbieten.

Gesperrt wirdEnde Dezember auch der beliebte Nordaufstieg, in einschlägigen Kreisen «Druidenweg» genannt. «Bis vor kurzem kreuzte man hier Erleuchtete mit Pendel, Kristallen und Amuletten», meint Grégoire, ein Sporthiker aus der Gegend, der regelmässig auf den Pic wandert, aber noch nie irgendwelche Vibrationen spürte. «Seitdem die Armee einen Einsatz plant, sind diese Wirrköpfe wie verschwunden.»

An den bröckelnden Hausfassaden von Bugarach hängen noch viele Tafeln mit der Aufschrift «zu verkaufen». Immobilienagent Cervières meint aber, dass kaum jemand die hohen Preise bezahle: «Ich glaube nicht, dass jemand für einen umgebauten Stall, der früher 150000 Euro kostete, 500000 Euro hinblättert. Ich selbst erlebte das jedenfalls nie.»

Im «Relais» störtman sich auch am ganzen Rummel um den 21. Dezember. Patrice Etienne verdächtigt den Bürgermeister, er habe ihn mit handfesten Motiven inszeniert. «Er wollte wohl seinem eigenen Hotelprojekt Kunden zuführen.»

Vorläufig ist Bugarach aber keineswegs überschwemmt von Rettungssuchenden. Der Armeeeinsatz und die Debatten um die Auslegung des Maya-Kalenders spielen wohl mit. Aber Bürgermeister Delord denkt schon über den ominösen Tag hinaus: Er will in Zukunft, wie er sagt, «ein jährliches Festival der Utopie oder so etwas Ähnliches» in Bugarach organisieren. Entschieden sei allerdings noch nichts.

Vielleicht ist es sicherer, zuerst einmal den 21.Dezember abzuwarten.

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