China

Die 11 Millionen Bewohner von Wuhan dürfen sich wieder frei bewegen – und werden mit Coupons zum Shoppen animiert

Die Abschrankungen in Wuhan werden ab Mittwoch abgebaut. Die Narben der Epidemie aber werden lange bleiben.

Die Abschrankungen in Wuhan werden ab Mittwoch abgebaut. Die Narben der Epidemie aber werden lange bleiben.

Wuhan ist der Ursprungsort des Coronavirus. Zwei Monate waren die 11 Millionen Einwohner in Quarantäne. Ab heute sind sie wieder frei.

Als Timo Balz am Dienstag zum ersten Mal nach fast zwei Monaten die Strasse vor seiner Wohnsiedlung in Wuhan betrat, zückte der 45-jährige Deutsche sein Smartphone und verschickte euphorisch Selfies an seinen Freundeskreis. Der erste Gang in Freiheit führte ihn zum nächstgelegenen Supermarkt, direkt ans Süssigkeiten-Regal: «Ich habe Unmengen Chips und Schokoriegel geholt», erzählt Balz, der an der Universität Wuhan lehrt. Die letzten Wochen hat er mit seiner vierköpfigen Familie ausschliesslich in seiner Wohnung verbracht. Das Nachbarschaftskomitee hat regelmässig Lebensmittel vor die Tür gestellt: Gemüse, Reis, Fleisch. Doch Paprika-Chips, das war während der Quarantäne in der chinesischen Millionenstadt ein Ding der Unmöglichkeit.

Am Mittwoch werden alle Einschränkungen in der Stadt, die als Ursprung der weltweiten Coronaepidemie gilt, aufgehoben. Erstmals seit dem 23. Februar dürfen die elf Millionen Bewohner die Stadtgrenze wieder überqueren. Normalität soll zurückkehren. Doch das Virus hat tiefe Narben hinterlassen. 2500 Menschen sind in Wuhan an Covid-19 gestorben. Für Jahrzehnte wird der gefährliche Erreger mit der Stahl- und Industriestadt verbunden bleiben.

Mit Schutzmasken gehen diese Menschen durch eine Einkaufsstrasse in Wuhan.

Mit Schutzmasken gehen diese Menschen durch eine Einkaufsstrasse in Wuhan.

Auf der Höhe der Epidemie gelangten tragische Bilder aus Wuhan an die Öffentlichkeit: von überfüllten Spitälern, die infizierte Personen abweisen mussten. Oder von Leichensäcken, die in den Warteräumen der Kliniken gelagert wurden.

Doch Wuhan wurde trotzdem zum Symbol für den erfolgreichen Kampf Chinas, das Virus zu unterdrücken: Mit systematischem Hausarrest, im Eiltempo errichteten Spitälern und der strikten Isolierung von Infizierten hat die Stadt es geschafft, die Epidemie wieder einzudämmen.

Regierung will mit Coupons die Shoppinglust steigern

In den sozialen Netzwerken lässt sich der neue Normalzustand in Wuhan live mitverfolgen: Die Einkaufszentren sind wieder geöffnet, jedoch weitgehend leer. Erste Hobby-Angler haben sich bereits am Ufer des Jangtse-Fluss angesammelt. Die Passanten auf den Strassen tragen alle Gesichtsmasken. Eine chinesische Endzwanzigerin berichtet, dass die Stimmung nach wie vor angespannt sei. Eine zweite Infektionswelle könne schliesslich jederzeit ausbrechen.

Denn noch immer gibt es potenziell tausende Virusträger in der Stadt. Die Dunkelziffer liesse sich nur erfassen, wenn jeder einzelne Stadtbewohner auf das Virus getestet würde. Um den Übergang zur Normalität zu kontrollieren, bekommen die Bewohner über eine App einen farbigen QR-Code zugewiesen. Wer 14 Tage ohne Symptome ist, bekommt einen grünen Code und darf sich frei innerhalb der Stadt bewegen. Rasch jedoch ändert sich der QR-Code auf gelb – etwa, wenn man sich mit einem Infizierten im selben Supermarkt aufgehalten hat. Dann muss man für mehrere Tage in Heimquarantäne. Smartphone-Nutzer mit rotem Code sind verpflichtet, 14 Tage zuhause zu bleiben.

Auch Emmanuel Geebelen muss seinen QR-Code scannen, um seine Wohnung in Wuhan zu verlassen. Einem Mitglied vom Nachbarschaftskomitee muss der Genfer jedes Mal erklären, wohin er geht. «Das soll einen dazu bringen, sich genau zu überlegen, ob man wirklich rausgehen muss oder nicht», sagt der 42-Jährige. Doch aufhalten lässt sich der Uhrmacher davon nicht. Er war bereits im Restaurant und in einem Massage-Laden. «Die Regierung will schliesslich auch die Wirtschaft ankurbeln. Wir bekommen sogar Coupons als Anreiz, shoppen zu gehen», sagt er. Trotzdem: An die neue, alte Realität müssen sich die Bewohner Wuhans erst wieder gewöhnen.

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