Eigentlich war Franz Josef Strauss bereits abgeräumt. Als Günter Beckstein 2007 bayerischer Ministerpräsident für ein Jahr wurde, liess er die Strauss-Büste aus dem Arbeitszimmer in der Münchner Staatskanzlei entfernen. Franz Josef Strauss schien nicht mehr zeitgemäss.

Ein Jahr später gab Nachfolger Horst Seehofer Strauss seinen Ehrenplatz zurück, den dieser bis heute innehat. Nun stehen Bayern Tage bevor, in denen der 1988 verstorbene CSU-Patriarch wieder allgegenwärtig sein wird: Am Sonntag (6. September) jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

Drei Feiern für Strauss

Die CSU will ihn in drei Feiern würdigen - am Freitag (4. September) in München, am 6. September in Rott am Inn und am Donnerstag (10. September) in Berlin. Dass die Landtagsopposition den Staatsempfang zu Ehren des grossen Vorsitzenden boykottieren will, dürften die CSU-Granden verschmerzen können.

Strauss dürfte in den Geburtstagsreden gelobt werden als Visionär, der die Grundlage für Bayerns Entwicklung zum wirtschaftlich erfolgreichsten Bundesland legte. Strauss förderte die Umwandlung Bayerns vom Agrar- zum Industrieland, wobei er den Schwerpunkt auf Luft- und Raumfahrtindustrie sowie die Rüstungsbranche legte.

Der CSU-Chef spielte in den 60er und 70er Jahren eine wichtige Rolle bei der Gründung des Airbus-Konzerns und der deutschen Beteiligung daran. Strauss setzte auch den Bau des neuen Münchner Flughafens durch, der 1992 in Betrieb ging und seither zum Wachstumsmotor für Oberbayern geworden ist.

Ein Paradox

Strauss' zahlreiche Affären hingegen dürften in der offiziellen Erinnerung eine sehr untergeordnete oder gar keine Rolle spielen. Vorausssichtlich nicht erwähnt werden wird auch das Paradox, das die heutige CSU auszeichnet: Einerseits geniesst Strauss in der CSU Heldenstatus. Andererseits hat sich die CSU unter der Regie des Strauss-Bewunderers Seehofer weit von Strauss entfernt.

Heute sind nur noch sehr wenige Politiker aktiv, die Strauss noch als Ministerpräsidenten erlebt haben. So sind Skurrilitäten weitgehend in Vergessenheit geraten, die aus heutiger Sicht eher vorgestrig als visionär wirken: So verhinderte Strauss zum Beispiel die Aufnahme von Frauen in den bayerischen Polizeidienst.

Die Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause hat Strauss als junge Abgeordnete erlebt: "Ich fand ihn sehr undemokratisch", sagt sie. Strauss weigerte sich nicht nur, die Grünen zu Staatsempfängen einzuladen, obwohl auch sie vom Volk in den Landtag gewählt waren. "Strauss hat auch versucht, Kontakte der Ministerialbeamten zu uns zu verhindern."

Wundern aber würde sich Strauss möglicherweise über die Entwicklung der CSU. Das gilt sowohl für den heutigen Stil der Partei als auch für die Inhalte.

Polarisierung vermeiden

Wo Strauss lustvoll polarisierte und über seine Gegner herzog, besteht das Wesen von Seehofers Regentschaft darin, jede Polarisierung möglichst zu vermeiden. "Die Leute wollen das nicht mehr", sagt Seehofer oft über das früher übliche verbale Geholze.

Demonstranten pflegte Strauss bei seinen Kundgebungen zu beschimpfen. Seehofer geht gewöhnlich auf sie zu. Für die Opposition im Landtag macht es das schwieriger, sich an der CSU zu reiben, wie manche Abgeordnete von SPD und Grünen sagen.

Inhaltlich hat Seehofer mehrere Glaubenssätze der Strauss-Ära über Bord geworfen. Strauss machte Bayern zum führenden Atomland, Seehofer forcierte 2011 den Atomausstieg. Geschichte ist auch die allgemeine Wehrpflicht. 2013 beerdigte Seehofer den Donauausbau mit Staustufen - das letzte Grossprojekt aus der Ära Strauss.

Liberaler als zu Straussens Zeiten

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sieht naturgemäss keinen Widerspruch zwischen der neuen Seehofer-CSU und der alten Strauss-CSU. "Konservativ sein heisst, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren", zitiert er einen Strauss-Lehrsatz. "Und ich sage in Anlehnung daran: Aus Tradition modern."

In vielerlei Hinsicht ist die CSU heute weit liberaler als zu Straussens Zeiten. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften akzeptiert die Partei mittlerweile. Und dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, ist Geschichte - heutzutage gilt zumindest verbal die "Willkommenskultur" für qualifizierte ausländische Fachkräfte.