Ostukraine

Der vergessene Krieg in Europa: Am Donezker Flughafen wird täglich gekämpft

Das Minsker Abkommen ist ein Jahr alt, doch von der vereinbarten Waffenruhe ist nichts zu merken. Täglich liefern sich ukrainische Truppen und pro-russische Rebellen in der Umgebung des Flughafens Donezk Gefechte.

Der Lastwagen hält hinter dem Wäldchen an der Front. Ein Dutzend Männer werden als Verstärkung in der Umgebung des Flughafens Donezk abgesetzt – ein bunter Haufen aus Militärangehörigen und Kämpfern eines Freiwilligenbataillons.

«Snake», der Verantwortliche für die Freiwilligen, welche die unterdotierte Armeeinheit ergänzen, notiert penibel, welche Waffen seine Leute mitbringen.

Wolodja, ebenfalls ein Freiwilliger, fährt weg, nachdem sechs Granatwerfer abgeliefert worden sind.

Als einige der Kämpfer um die Mittagszeit an einer weniger exponierten Stelle an einem Feuer im Schützengraben liegen, passiert es: In unmittelbarer Nähe schlägt eine Granate ein, gefolgt von Scharfschützenbeschuss einer prorussischen Stellung. Die durchschnittlich 25 Jahre jungen Kämpfer rennen zu ihren Stellungen, um das Feuer zu erwidern. Alltag an der Frontlinie im Donbass.

Flughafen bleibt umkämpft

Seit der Unterzeichnung des Abkommens Minsk II vor rund einem Jahr wurde der Waffenstillstand zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten bis auf wenige Tage im September immer wieder gebrochen. In den vergangenen Wochen haben die Kampfhandlungen wieder stärker zugenommen.

Einer der Hauptschauplätze des Krieges ist nach wie vor die Umgebung des Flughafens Donezk. Zwei grössere Schlachten wurden noch vor dem Waffenstillstand um diesen strategisch wichtigen Ort ausgefochten.

Zunächst konnten ukrainische Luftlandeinheiten den Flughafen von den prorussischen Milizen befreien. Diese eroberten das Gelände jedoch in monatelangen Gefechten Stück um Stück zurück. Inzwischen sind statt der Terminals nur noch zerschossene Gerippe zu sehen. Seit vielen Monaten beschiessen sich die Kriegsparteien am Flughafen aus festgefahrenen Linien. Es ist ein Stellungskrieg ohne Geländegewinn.

Dem Flughafen Donezk kommt nicht nur eine mythische Bedeutung zu, die die schweren Kämpfe dort erzeugt haben. Die Gegend liegt nahe am Stadtzentrum von Donezk und ist deshalb bedeutungsvoll. Er blockiert einen weiteren Vorstoss zu wichtigen Industriestätten.

Leonid Polyakov, ehemaliger Vizeverteidigungsminister der Ukraine und Militärexperte, erklärt, dieses Gebiet sei ein wichtiger Brückenkopf, der es den «Terroristen» – wie er die Separatisten nennt – schwer mache, Angriffe auf die strategisch bedeutende Stadt Mariupol im Süden zu starten.

Der regelmässige Beschuss der Umgebung des Flughafens mit schwerer Artillerie durch die Separatisten hat gemäss Polyakov einerseits politische Gründe: «Um die friedlich-ungeduldigen Europäer in eine ‹ukrainische Ermüdung› und die Ukrainer in die Kriegsmüdigkeit zu treiben». Daneben gebe es aber auch militärische Erklärungen für die Waffenstillstandsbrüche durch die Separatisten: Aufklärung, Verschleierung von Sabotage- und Scharfschützenaktionen durch Beschuss, Test von Waffen sowie Ausbildung von lokalen und russischen Truppen nach einer Rotation der Einheiten.»

Grossangriff unwahrscheinlich

Die gegenwärtige Situation könnte ähnlich wie 2015 bleiben, als Russland den militärischen Druck auf die Waffenstillstandslinie im Donbass hochhielt, erklärt Polyakov. Russland und seine Verbündeten in der Ostukraine würden weiterhin das Instrument der hybriden Kriegsführung gegen die Ukraine anwenden, in Europa prorussische Parteien und wirtschaftliche Interessensgruppen mit Zückerchen ködern und die europäische Einheit zu schwächen versuchen.

Einen grossen militärischen Angriff hält er momentan für wenig wahrscheinlich: «Es könnte zu einem ‹eingefrorenen Konflikt› führen oder zu einer friedensherhaltenden, humanitären Operation im Donbass.»

In den letzten Wochen gab es auf der ukrainischen Website «liveuamaps» wiederholt Meldungen über Verschiebungen von schwerem Material durch die prorussischen Separatisten. Diese wiederum warfen den Ukrainern vor, sie hätten in der neutralen «grauen Zone» sieben Dörfer eingenommen. Neuste Gerüchte auf ukrainischer Seite gehen von einem Angriff der russischen Separatisten auf die Hafenstadt Mariupol aus.

Für die Soldaten und freiwilligen Kämpfer vor Ort ändert sich die Situation kurzfristig nicht entscheidend. Tagtäglich kommt es mehrfach zu Feuergefechten. An diesem Nachmittag bauen «Snake» und einer seiner Getreuen rund 150 Meter von ihrem Unterstand entfernt ein Maschinengewehr mit Trommelmagazin auf. Ohne die Freiwilligen wäre es für die ukrainische Seite schwierig, die Stellungen durchgehend besetzt zu halten. Gerade an diesem Tag wurden rund 50 Soldaten abgezogen und durch ungleich weniger Leute ersetzt. Kommt hinzu, dass die Ukrainer auf den Einsatz von Artillerie derzeit verzichten. Für «Snake» ist klar: «Wenn die Russen kommen, können wir nur noch davonrennen.»

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