150 Jahre US-Bürgerkrieg

Der Urgrossneffe kämpft für Henry Wirz’ Ehre

(Bild: Chris Iseli)

Heinrich Wirz zu Hause in seiner Schreibstube in Bremgarten BE

(Bild: Chris Iseli)

Der Zürcher Henry Wirz kämpfte vor 150 Jahren im US-Bürgerkrieg. Die az traf seinen Urgrossneffen Heinrich L. Wirz.

10. November 1865: Schweren Schrittes steigt der Zürcher Auswanderer Henry Wirz die hölzernen Stufen zum Galgen hoch. Ausserhalb der Gefängnismauern erklimmen Schaulustige die Bäume, um einen Blick auf den «Dämon von Andersonville» zu erhaschen. Rufe wie «Hängt ihn!» begleiten Wirz auf seinem Gang. Um 10.32 Uhr öffnet sich die Falltür. 14 Minuten später wird er für tot erklärt.

Henry Wirz, der 1849 in die USA einwanderte und sich als Weber, Mediziner und Plantagen-Verwalter betätigte, erlangte traurige Berühmtheit. Vom siegreichen Norden wurde der Captain der Konföderierten im Bürgerkrieg als Kriegsverbrecher und Verschwörer gesehen. Wirz kommandierte während 14 Monaten das berüchtigte Gefangenenlager Camp Sumter (Georgia), besser bekannt unter dem Namen Andersonville.

Von insgesamt 45000 Gefangenen kamen knapp 13000 ums Leben. Ein Militärtribunal verurteilte ihn deswegen nach einem dreimonatigen Prozess zum Tod.

Bis heute ist Henry Wirz allerdings umstritten: Im Norden gilt er als Kriegsverbrecher, im Süden hingegen als Märtyrer, weil er sich geweigert haben soll, Südstaaten-Präsident Jefferson Davis als Mitverschwörer anzuschwärzen und sich damit vor dem Galgen zu retten.

Heinrich L. Wirz sitzt in seiner Schreibwerkstatt in Bremgarten bei Bern. Im Büro des 75-Jährigen türmen sich kistenweise Unterlagen zu militärischen Themen. Auf seinem Pult liegen Bücher über Henry Wirz, über Andersonville, über den Sezessionskrieg. Und ein altes Schwarz-Weiss-Bild aus dem Jahr 1863, welches einen bärtigen Mann in der grauen Uniform der Südstaatenarmee zeigt: Es ist das Foto seines Urgrossonkels Henry Wirz.

Seit Jahrzehnten befasst sich der Militärpublizist mit der Geschichte seines berühmt-berüchtigten Vorfahren, von dem er erstmals in seinen Jugendjahren hörte. Als Gymnasiast hielt er einen Vortrag über ihn. Danach ruhte die Thematik, bis er 1965 zum 100-Jahr-Jubiläum der Hinrichtung in die USA reiste, um den Spuren seines Urgrossonkels zu folgen. «Mein Name löste ein ziemliches Echo aus», erinnert er sich. Im Positiven wie im Negativen. «Im Norden war der Name stark belastet. Einmal kam es gar zu einem richtigen Streit», erinnert er sich.

Schmunzelnd hingegen berichtet er von einer anderen Begebenheit: «Den Kindern wurde statt mit dem ‹Schwarzen Mann› mit ‹Henry Wirz› gedroht, wenn sie nicht gehorchten.»

Im Süden hingegen öffnete ihm sein Name viele Türen – vor allem im 300-Seelen-Nest Andersonville, wo seit 1909 ein Denkmal an Henry Wirz erinnert und jährlich am Tag der Hinrichtung eine Gedenkfeier abgehalten wird. Bei diesen ist Heinrich L. Wirz alle paar Jahre mit von der Partie. In einem Monat reist er wieder in die USA, um diesmal an den Feierlichkeiten am Grab des Lagerkommandanten auf dem Mount-Olivet-Friedhof in Washington D.C. teilzunehmen.

Dank seines Vorfahren pflegt er gute Kontakte zu Organisationen, welche die Erinnerung an den Bürgerkrieg hochhalten. Während einiger Jahre war er Kommandant des europäischen Ablegers der «Sons of Confederate Veterans».

Und heute ist er europäischer Verbindungsmann zum «Military Order of the Stars and Bars», in welchem Nachfahren konföderierter Offiziere vereinigt sind. Henry Wirz wurde zwar als Kriegsverbrecher hingerichtet, für seinen Urgrossneffen ist aber klar: «Er wurde zu Unrecht beschuldigt.

Es handelte sich eindeutig um einen Schauprozess im Nachgang zum Mord an Präsident Abraham Lincoln. Da brauchte es einen Sündenbock», ist er überzeugt.

Die Geschichtsforschung gibt ihm mittlerweile recht. Unter Civil-War-Historikern gilt der Prozess gegen Wirz als unfair, die Verurteilung wegen Verschwörung als unhaltbar. Heinrich L. Wirz setzt sich für die Rehabilitierung seines Vorfahren ein. Der Antrag auf eine Begnadigung an Präsident George W. Bush blieb unbeantwortet.

Derzeit arbeitet Wirz an einem Quellenwerk. «Wir tragen alle Originaldokumente zusammen, die wir über Henry Wirz finden – auch im Hinblick auf eine Rehabilitierung», erklärt er. Eine solche könnte nur an einem Militärgericht erfolgen. Das würde allerdings «viel Zeit und Geld kosten». Heinrich L. Wirz überlegt sich den Schritt dennoch: «Mir geht es um die Wahrheit und um Gerechtigkeit.»

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