Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, der am 9. April nach zehn Jahren an der Spitze erneut kandidiert, hat allen Grund, nervös zu sein. Sein Herausforderer, der ehemalige Generalstabschef Benny Gantz, könnte ihn in zwei Wochen mit seiner noch jungen Partei Blau-Weiss ablösen, wenn man jüngsten Umfragen glauben will. Zudem wird Netanjahu von der Justiz bedrängt, die ihn in mehreren Korruptionsfällen vor Gericht stellen will.

Doch in der nächsten Woche, hofft Netanjahu, werde sich das Blatt zu seinen Gunsten wenden. US-Präsident Donald Trump verhilft ihm zu kostenloser Polit-PR. Netanjahu wird, zwei Wochen vor dem Urnengang, zwei Mal im Weissen Haus empfangen. Sein Kalkül: Die Medien werden ausführlich und überwiegend wohlwollend über seine Freundschaft mir dem mächtigsten Mann der Welt berichten. Wichtiger noch: Am Donnerstag twitterte Trump, es sei an der Zeit, die Souveränität Israels auf den Golanhöhen anzuerkennen – einem Gebiet, das bis 1967 zu Syrien gehört hatte.

Das ist der Stoff, den Israels Premier-Anwärter für den Sieg brauchen: Handshakes mit dem amerikanischen Präsidenten vor laufenden Kameras, gegenseitige Lobpreisungen und allerhand Versprechen. Netanjahus Botschaft an die Bürger sei klar, sagt Natan Sachs von der Brookings Institution in Washington: «Zeigt mir einen anderen Israeli, der das kann. Zeigt mir einen anderen, der dieses besondere Verhältnis zu Trump hat.»

Netanjahu, der von Freund und Feind «Bibi» genannt wird, hat in Trump einen womöglich matchentscheidenden Wahlhelfer, der ihm hilft, die Korruptionsvorwürfe zu relativieren. Der US-Präsident überschüttet ihn seit zwei Jahren mit politischen Geschenken – vom Ausstieg aus dem Atom-Deal mit dem Iran bis zur Verschiebung der US-Botschaft nach Jerusalem.

Im Gegensatz zu West-Europa geniesst Trump in Israel höchstes Ansehen. Ein harmonisches Meeting mit dem Präsidenten ist deshalb für Netanjahu ein willkommenes Wahlargument. Zumal ein Kandidat, der ohne Unterstützung der USA in den Wahlkampf zieht, bei israelischen Bürgern einen schweren Stand hat, weiss ein ehemaliger israelischer Top-Diplomat, der wichtige Posten in den USA bekleidete: «Wir erwarten von unserem Premier, dass er zum Weissen Haus ein gutes Verhältnis hat.»

Die amerikanisch-israelischen Beziehungen sind seit Jahrzehnten ausgezeichnet. Doch unter Trump haben sie eine neue Qualität erreicht. Der israelische Journalist Ben Caspit, der eine Biografie über Netanjahu geschrieben hat, bezeichnet Trump und Netanjahu als «politische Zwillinge». «Trump ist Bibis feuchter Traum», meint Benny Miller, der in Haifa als Professor für internationale Politik die bilateralen Beziehungen intensiv verfolgt.

Dabei könnten Israels Langzeitpremier und der amerikanische Immobilienmagnat unterschiedlicher kaum sein. Während Bibi-Anhänger ihren Mann als Intellektuellen schätzen, der am MIT Architektur und Städteplanung studierte, der in der Geschichte bewandert ist, perfekt Englisch spricht und sich weltmännisch gibt, ist von Trump weder bekannt, dass er gerne Bücher liest noch dass er über ein breites Allgemeinwissen verfügt.

Trotz der Unterschiede verstehen sich die beiden Spitzenpolitiker bestens. Gemeinsam warnen sie vor der weltweiten Gefahr des islamistischen Terrorismus und der iranischen Expansion im Nahen Osten. Beobachter in Washington und Jerusalem gehen sogar davon aus, dass Trump und Netanjahu ihre Aktionen koordinieren.

Dieser Eindruck entstand zum Beispiel im vergangenen Jahr, als Netanjahu geheime Nukleardokumente veröffentlichte, die sein Geheimdienst Mossad in einer abenteuerlichen Aktion nach Israel gebracht hatte. Wenige Tage später verkündete Trump seinen Rückzug aus dem Atom-Deal, den sein Vorgänger Barack Obama ausgehandelt hatte.

Kopie des US-Präsidenten

Wechselseitig zitieren sich Trump und Netanjahu als Referenzgrösse für eine vernünftige Politik. So zog Trump als Argument für die Mauer zu Mexiko das Bauwerk an der ägyptisch-israelischen Grenze heran. Netanjahu liess sich nicht zwei Mal bitten und gab Trump recht: Die Mauer habe die illegale Einwanderung nach Israel aus afrikanischen Ländern gestoppt.

«Grossartiger Erfolg, grossartige Idee», twitterte Netanjahu im Trump-Slang. Kurz nach Trumps Wahl wies Bibi seine Berater in Jerusalem an, sich so zu verhalten wie der neue US-Präsident, schreibt der «Haaretz»-Redaktor Anshel Pfeffer in seiner viel beachteten Netanjahu-Biografie. Bibi kopiere Trump zum Beispiel, indem er unvorteilhafte Medienberichte als «fake news» abtut.

Trumps PR für Netanjahu geht sehr weit. So erhielt Bibi am Mittwoch nicht nur viel Lob von US-Aussenminister Mike Pompeo, der in Israel zu Besuch war. Pompeo ging auch zur Klagemauer in Ost-Jerusalem, in Begleitung des Premiers. Damit anerkannte der höchste Diplomat Washingtons erstmals implizit Israels Souveränität in ganz Jerusalem.

Trumps Gefälligkeiten lassen sich auch in Details erkennen. Im Februar hatte Netanjahu mit einem Riesenposter entlang der Stadtautobahn durch Tel Aviv mit dem Slogan «eine andere Liga» für sich geworben. Auf dem auffälligen Plakat zeigte er sich zusammen mit Trump, zuversichtlich lachend, Hand in Hand. Prompt nahm der US-Präsident auf seinem Instagram-Konto die Werbeaktion zustimmend auf.

Kürzlich entsandte das Pentagon zudem vorübergehend eine kleine Militär-Truppe nach Israel. Netanjahu, dem das Wahlgesetz verbietet, sich zu Propagandazwecken mit israelischen Soldaten filmen zu lassen, liess innerhalb von wenigen Tagen einen Clip produzieren, auf dem er umgeben von US-Soldaten zu sehen ist.

Dass sich US-Präsidenten in den israelischen Wahlkampf einmischen, sei nicht neu, sagt Aaron David Miller vom Woodrow Wilson International Center for Scholars, der sechs amerikanische Aussenminister beraten und während zwei Jahrzehnten die Nahostpolitik Washingtons geprägt hat. Nie zuvor aber habe ein US-Präsident intensiver für einen Kandidaten geweibelt als Trump.

Zusammen gegen die Justiz

Das Engagement für Bibi ist in Washington vor allem auch Chefsache. Kaum hatte Israels Generalstaatsanwalt seinen Entschluss veröffentlicht, den Premier wegen Korruption anzuklagen, meldete sich Trump zu Wort. Netanjahu habe als Premierminister einen «grossartigen Job gemacht», sagte er, als ob er die israelische Justiz davor warnen wollte, den Regierungschef ins Gefängnis zu schicken. Bibi, sagte Trump, sei «hart, stark und klug». In einer Rede an die Nation, in der er seine Unschuld beteuerte, zitierte Netanjahu Trumps überschwängliches Lob als impliziten Beweis dafür, dass er als Premier unersetzlich sei.

Es ist nicht das erste Mal, dass Trump Netanjahu als Kandidaten unterstützt. Bereits 2013 hatte er ihn auf einem Videoclip als «terrific guy» und als «terrific leader» für Israel gepriesen: «Er ist ein Sieger, er geniesst ein hohes Ansehen und wird von allen hoch geschätzt,» sagte Trump damals, der Netanjahu seit rund 30 Jahren kennt. In den Kreis der New Yorker Millionäre war der aufstrebende Politiker damals vom Geschäftsmann und Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses Ronald Lauder eingeführt worden.

Dabei begegnete Netanjahu erstmals auch dem Immobilienhändler Trump, einen alten Freund von Lauder. Trumps Einsatz für Netanjahu ist nicht selbstlos. Für ihn ist Bibis nationalistische Politik ein politischer Aktivposten. Denn Amerikas evangelikale Bürger sehen Israel im Licht der Schöpfungsgeschichte, wo es unter 12:3 heisst: «Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.»

Die rund 25 Prozent der Amerikaner, die sich einer evangelikalen Kirche zurechnen, sind eine zentrale Stütze für Trump. Laut einer Umfrage des christlichen Forschungsinstitutes LifeWay Research glauben zwei Drittel der Evangelikaner, dass Israel das Heilige Land sei, das Gott den Juden versprochen habe. (Unter jüdischen Amerikanern ist der Anteil derjenigen, die das glauben, nur halb so gross.)

Die Renaissance eines jüdischen Reichs im alten Judäa sehen sie als Voraussetzung für die Wiederkunft von Jesus. Netanjahu sieht das zwar mit Sicherheit anders. Aber am Ende zählt für ihn nur, dass Trump ihn, aus welchen Gründern auch immer, unterstützt.

* Pierre Heumann ist langjähriger Nahostkorrespondent der «Weltwoche» und Autor mehrerer Bücher, darunter «Israel entstand in Basel. Die phantastische Geschichte einer Vision».