60. Geburtstag

Der Trabi wird längst nicht mehr produziert – doch für ein Kult-Objekt zahlt man heute Tausende Euros

Vor 60 Jahren am 7. November 1957 verliess der erste Trabant das Autowerk in Zwickau. Die Produktion ist längst eingestellt, aber der Trabi lebt bis heute weiter.

20 Minuten vor dem vereinbarten Termin klingelt das Handy. Am anderen Ende ist Michael Kaiser, Präsident des Trabi-Clubs Berlin. «Nehmen Sie sich Zeit, 14 Uhr das schaff ich nicht. Der Wagen», sagt er etwas hektisch und fügt nach einer Pause mit einem Seufzer an: «Der springt nicht mehr an.»

Einen besseren Einstieg in eine Geschichte über das DDR-Alltagsauto Trabant hätte man sich nicht vorstellen können. Kaisers Trabi tut nicht mehr. Wir holen ihn beim Pannenort im östlichsten Zipfel Berlins ab, fahren zusammen zu seinem bescheidenen, aber charmanten Einfamilienhäuschen in Berlin-Rahnsdorf. Den Trabi, den er hier in der Garage stehen hat, der sei ohnehin viel interessanter für uns, sagt der 55-Jährige. Kaiser öffnet bedeutungsvoll das Garagentor.

Zum Vorschein kommt ein Trabant 601, Baujahr 1968, 23 PS, von 0 auf 100 Stundenkilometer in, wenn es gut geht, 45 Sekunden. Kaisers Laune hebt sich nun beim Anblick des gepflegten Oldtimers. Er steht symbolhaft für die untergegangene DDR-Planwirtschaft – und irgendwie auch für Mauerfall und Wiedervereinigung. Hunderte der knatternden und stinkenden Zweitakter lärmten in der Nacht des Mauerfalls, umjubelt von Zaungästen, über die plötzlich offene Grenze der DDR in den Westen.

Trabi und Schwalbe kehren zurück - DDR Kult

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Die DDR ist seit Geschichte. Und doch: Die kultigen Straßenflitzer der Zeit sind unvergessen. Gut drei Millionen "Trabis" gingen bis 1991 vom Band. Und er hat alleine ein Dutzend davon im Privat-Besitz: Dieter Pemsel, Vorsitzender des "Trabi Team Thüringen". Mit Leib und Seele in der Gegend verwurzelt, hat es Pemsel sich zur Aufgabe gemacht, das "Kulturgut" Trabi zu erhalten. Der KFZ-Meister im Ruhestand hat schon einige seltene Exemplare wieder in Stand gesetzt.

Blech in der DDR Mangelware

Am 7. November 1957 verliess der erste Trabant das Autowerk in Zwickau. Kosten für den ersten Trabi: Knapp 8000 Ost-DM. Die Karosserie des etwa 620 Kilogramm leichten Zweitürers bestand bis zu seinem Ende aus dem Kunststoff «Duroplast» – eine Mischung aus Harzpulver und Baumwollresten, da Blech in der DDR aufgrund eines Wirtschaftsembargos Mangelware war. Seinen Namen erhielt der damals 18 PS starke Kleinwagen nach einem Preisausschreiben. «Trabant» bedeutet «Weggefährte», auf Russisch «Sputnik». Der Name war also auch eine Hommage an das sowjetische «Sputnik»-Satellitenprogramm, das im Oktober 1957 mit «Sputnik 1» erfolgreich gestartet war.

Michael Kaisers Trabant 601 Baujahr 1968 ist eine Weiterentwicklung des ersten Trabis von 1957. Kaiser hat alles im Originalzustand belassen, die 50 Jahre alte Radiostation empfängt nur Mittelwelle, die Bord-Technik basiert auf einer 6-Volt-Technik. Der Motor rattert und knattert, eine stinkige blaue Wolke tritt aus. Im Laufe der Jahre haben sich viele Kosenamen für den Trabi entwickelt, von dem zwischen 1957 und April 1991 über 3 Millionen Stück hergestellt worden sind. «Sachsenporsche» etwa, «Fluchtkoffer» oder «Mercedes-Krenz», in Anspielung an den Nachfolger Erich Honeckers an der Staatsspitze, Egon Krenz. Noch knapp 34 000 Trabant sind heute in Deutschland zugelassen, auch in Berlin werden es wegen der strengen Umweltrichtlinien in der Innenstadt immer weniger.

1998 hat sich Kaiser seinen ersten Trabi gekauft, seit 2006 ist der ehemalige DDR-Bürger, der 1980 das Land nach einem Fluchtversuch der Eltern verlassen musste und erst nach dem Mauerfall in den Osten zurückgekehrt ist, Vorsitzender des Trabi-Clubs Berlin. Er liebt die ruckelige Fahrt auf schlecht gefederten Achsen. «Das ist, im Gegensatz zu den heutigen Autos, Fahren pur. Du spürst jedes Steinchen, die ganze Maschine», schwärmt der 55-Jährige.

Gebrauchte Trabis teurer als neue

10 bis 12 Jahre betrug die Wartezeit damals in der DDR für einen Trabi. Das führte dazu, dass gebrauchte Trabis teilweise teurer waren als jene frisch ab Werk, weil für sie keine Wartezeit bestand. Technisch weiterentwickelt hat sich das Fahrzeug bis zu seinem Ende 1991 kaum, dabei entwickelten die Ingenieure mehrere modernere und leistungsstärkere Nachfolgemodelle. Schon in den 1960er-Jahren gab es Pläne für einen 4-Takt-Motor, doch der für Wirtschaftsfragen im Politbüro der SED zuständige Minister Günter Mittag bremste die Konstrukteure wegen der zu hohen Produktionskosten aus. «Mittag war der Meinung, dass der Trabant in seiner damaligen Ausführung für die Bevölkerung ausreichend war. Wir Entwicklungsleute konnten uns nicht durchsetzen», bedauerte der damalige Chefingenieur Werner Lang in einem Interview vor einigen Jahren. Immerhin konnten die Automobilstandorte in der ehemaligen DDR nach der Wiedervereinigung profitieren. Opel, VW, BMW und Porsche öffneten in Zwickau und anderen Orten der ehemaligen DDR etliche Werke, bis heute hängen Tausende Arbeitsplätze im Osten an der Automobilindustrie.

Der Trabi hat es längst zum Kult-Objekt geschafft. Für einen gut erhaltenen Trabant muss man bis zu 10 000 Euro hinblättern. Für seinen zweiten Trabant Baujahr 1991 musste Kaiser vor ein paar Jahren gerade einmal 100 Deutsche Mark hinlegen. Der macht bis heute eher mal Ärger als das Schmuckstück von 1968, erzählt der Club-Präsident. «Die früheren Modelle sind qualitativ besser als die späteren. Umso jünger, umso anfälliger», sagt er. Den defekten Trabi muss er nun aber holen gehen, der steht immer noch am Strassenrand, einige Kilometer von seinem Haus entfernt. Für Kaiser kein Problem. Ein paar Griffe und Kniffe, und die Maschine wird wieder weiterknattern.

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