Natürlich war es ein Zufall, dass Bill O’Reilly am Mittwoch im Vatikan dem Papst die Hand schüttelte, als er von seinem Arbeitgeber, dem Nachrichtensender Fox News Channel, auf die Strasse gestellt wurde. Aber vielleicht lässt sich anhand dieser Konstellation erklären, warum O’Reilly in der amerikanischen Fernsehlandschaft eine derart wichtige Stellung einnahm. Der 67-jährige politische Kommentator amtierte zwei Dekaden lang als Fernsehpapst – ein Mann, der zwar keine demokratische Legitimation besass, aber mittels eines abendlichen Monologs die politische Debatte beeinflussen konnte.

Dabei legte sich O’Reilly, dessen wochentags ausgestrahlte Sendung den Namen «The O’Reilly Factor» trug, über die Jahre hinweg das Image eines konservativen Patriarchen zu, der gerne über die gute alte Zeit sprach, Familienwerte hochhielt und sich in der modernen Gesellschaft nicht immer zurechtfand. Weil er dabei, zumindest in den letzten Jahren, auf rhetorische Ausfälle weitgehend verzichtete – ganz im Gegensatz zu anderen Aushängeschildern des im Zweifelsfall rechten Fox News Channel –, wurde O’Reilly auch im linken Amerika, wenn nicht geschätzt, so doch akzeptiert. Stephen Colbert, der O’Reilly lange Jahre in seiner Show «Comedy Central» parodiert hatte, nannte ihn liebevoll «Papa Bear».

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O’Reillys dunkle Seite

Ganz offensichtlich aber besass O’Reilly auch eine andere Seite, die während seiner Fernsehauftritte nur manchmal durchschien. Er war ein Sexist, der weiblichen Angestellten seines Senders unsittliche Anträge machte und sie belästigte. Das war schon lange bekannt. 2004 wurde er von einer Produzentin seiner Sendung verklagt, die sagte, O’Reilly habe sie des Nachts angerufen und am Telefon masturbiert. (Die Produzentin hatte die ungewünschten Anrufe aufgenommen.) O’Reilly wies die Anschuldigungen zwar zurück, einigte sich mit der Produzentin aber aussergerichtlich und bezahlte ihr eine Millionen-Entschädigung.

Dass der Sender Fox News Channel trotz dieser Verstösse gegen die guten Sitten an O’Reilly festhielt, hatte zwei Gründe. Erstens bildete der Mann aus Long Island das Fundament des Senders. Ohne die abendliche Predigt des populistischen Moderators hätte sich der Kanal nie zum führenden Kabelprogramm in den USA entwickelt. Und zweitens war O’Reilly ein veritabler Goldesel: Zuletzt schalteten um 20 Uhr gegen 4 Millionen Menschen ihre Fernsehgeräte ein, um ihm zuzuhören. Die jährlichen Einnahmen des Programms beliefen sich auf gegen 178 Millionen Dollar. Dafür erhielt O’Reilly einen Lohn in zweistelliger Millionenhöhe; zudem verdiente er sich als Autor populärwissenschaftlicher Geschichtsbücher und als Vortragsredner ein Zubrot.

Angestellte gezielt schikaniert

Dies alles änderte sich im letzten Sommer, nach dem Rücktritt des dominanten Senderchefs Roger Ailes – der über eine Klage der Moderatorin Gretchen Carlson gestolpert war, die ihm sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und eine missbräuchliche Kündigung vorgeworfen hatte. Im Zuge dieses Führungswechsels installierte sich der Firmenpatriarch Rupert Murdoch, zu dessen Medienimperium der Fox News Channel gehört, an der Spitze des Senders. Und der 86-Jährige beschloss, auch weil er unter Druck der Aktionäre seiner börsenkotierten Firmen stand, beim Nachrichtensender aufzuräumen. Eine Anwaltsfirma wurde damit beauftragt, sämtlichen Vorwürfen nachzugehen. Nach und nach stiess die Kanzlei auf Indizien, dass weibliche Fox-Angestellte jahrelang gezielt schikaniert und belästigt worden waren.

Das Fass zum Überlaufen brachte schliesslich ein Artikel in der «New York Times», in dem in allen widerlichen Details aufgezeigt wurde, wie O’Reilly über die Jahre hinweg mit Frauen umgesprungen war. (O’Reilly bestritt die Vorwürfe bis zuletzt.) In der Folge schlossen sich Dutzende von Firmen einem Werbeboykott an, der «The O’Reilly Factor» wirtschaftlich zu ruinieren drohte. Also beschloss Murdoch, den Stecker zu ziehen.