Es ist Sommer in Kanada und auf dem Marktplatz der Stadt Kingston spielt die Band «Tragically Hip» gerade ihr Abschiedskonzert, es ist der letzte Gig einer Band, die als eine der beliebtesten in Kanada gilt und dessen Frontman unheilbar an Krebs erkrankt ist. Der Abend ist emotional, über elf Millionen Kanadier sind am Fernseher live dabei.

Mitten unter den Fans: ein Mann mit blauer Jeansjacke, schwarzem T-Shirt und Tränen in den Augen. Es ist Justin Trudeau, der 23. Premierminister Kanadas und langjährige Fan von «The Hips», wie die Band in Kanada zuneigungsvoll genannt wird. Doch an diesem Abend ist Trudeau kein Politiker - er ist Rockfan und Musikliebhaber wie Millionen seiner Landsleute auch.

Es ist ein Moment, an dem klar wird, warum Justin Trudeau so populär ist. Wie bei kaum einem Premierminister vor ihm haben viele Kanadier das Gefühl, er ist einer der ihren. Welcher Regierungschef zeigt sich schon mit nacktem Oberkörper beim Surfen am Strand? Welcher steigt schon in den Boxring? Welcher lässt sich schon freimütig in gewagten Yoga-Posen ablichten und trägt ein indigenes Tatoo am Oberarm? Welcher beschreibt sich in Interviews freimütig als Feministen - und besetzt die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen?

Ob beim Royal Visit der britischen Thronfolger William und Kate, beim Klimagipfel in Paris oder beim extrovertierten Fotoshoot für die Modezeitschrift Vogue: Kanadas jugendlicher wie attraktiver Premier hat es seit seinem Amtsantrit im November 2015 geschafft, dem sonst eher unauffälligen Land ungewohnten Glamour, Sex-Appeal und Star-Power zu verschaffen.

Zuletzt gab es das unter Trudeaus Vater Pierre Elliott. Der im Jahre 2000 verstorbene 15. Premier hatte das Land mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1968 und 1984 mit viel Flower-Power und intellektueller Brillianz regiert und galt wegen seines exzentrischen Privatlebens lange als der bekannteste und populärste Regierungschef Kanadas weltweit.

Nun tritt Trudeau junior in die Fussstapfen seines legendären Vaters: In Kanada gilt der 44-jährige Lehrer politisch als unangefochten und überstrahlt alles. Dass er auch schon als Snowboard-Guide und Türsteher eines Clubs gearbeitet hat, bringt ihm bei seinen Wählern eher Pluspunkte ein denn Kritik. Ebenso die Tatsache, dass er seit Jahren mit seiner Familie an Schwulenparaden teilnimmt und dabei, wie vor ein paar Wochen in Vancouver, den Kinderwagen seines Söhnchens selbstverständlich höchstselbst vor sich herschiebt.

Mit seiner gewinnenden Art, seinem überschäumendem Optimismus und ausgleichenden Wesen hat er nach Jahren konservativer Herrschaft eine politische Rückbesinnung auf die liberalen Wurzeln Kanadas eingeleitet und das Image seines Landes wieder korrigiert. Trudeau öffnete sein Land für Flüchtlinge aus Syrien und empfing einige selbst am Flughafen. Nach Jahren des Stillstands unterzeichnete er den neuen Klimaschutzvertrag von Paris. Er veranlasste den Abzug von Kampflugzeugen aus dem Irak. Er erlaubte muslimischen Frauen bei der Einbürgerung den Gesichtsschleier und kündigte ein Öltankerverbot für Teile der Pazifikküste an. Auf die Frage, warum er die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen besetzt hat, antwortete er nach der Wahl mit einem Satz, der in Kanada zum Kult geworden ist: «Weil es das Jahr 2015 ist.»

Wie einst Barack Obama steht Trudeau für viele grossstädtische Kanadier für einen politischen Kulturwandel. Er hat versprochen, Marijuana zu legalisieren, er will das Verhältnis zu den Ureinwohnern kitten. Er umwirbt ethnische Minderheiten und will sein Land wieder näher an die Vereinten Nationen heranführen. Er gibt bereitwillig Interviews, weicht kaum einer Kamera aus, tummelt sich in sozialen Netzwerken und fühlt sich am wohlsten beim Bad in der Menge. «Selfie-Premier» nennen viele Kanadier ihren Regierungschef mit einem Augenzwinkern.

Die Präsenz Trudeaus ist so dominant, dass kritische Stimmen bislang nur selten zur Geltung kommen. Dabei gibt es im ländlich geprägten Hinterland Kanadas und im rohstoffreichen Westen durchaus Vorbehalte gegen den kosmopolitischen Premier. Nicht wenige halten ihn für ein politisches Leichtgewicht, einen medienaffinen Posterboy ohne politische Substanz, für einen verwöhnten Emporkömmling aus gut betuchter Familie.

Es ist auch nicht so, dass bei Trudeau nur eitel Sonnenschein herrscht. Als er bei einer Debatte im Parlament in Ottawa einmal seine Fassung verlor und eine Abgeordnete dabei aus Versehen rüde anrempelte, begannen auch viele wohlwollende Kanadier an seiner emotionalen Stabilität zu zweifeln. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen musste er seinen versprochenen Zeitplan aufgeben. Die wirtschaftliche Entwicklung in Kanada ist wenig berauschend.

Echte Bewährungsproben oder politische Krisen musste Trudeau bislang kaum bewältigen und viele grundlegende Probleme hat er in der Kürze der Zeit noch gar nicht angepackt: Viele Kanadier sind überschuldet und können kaum noch ihre Kreditkartenrechnungen zahlen. Die Preise für Immobilien in Grossstädten wie Toronto oder Vancouver sind astromomisch hoch. Einheimische Terroristen bleiben, insbesondere in den Metropolen, eine latente Gefahr.

Doch der Sunnyboy Justin Trudeau hat die Probleme bislang überstrahlt. Meinungsforscher haben ermittelt, dass eine stabile Mehrheit der Kanadier überzeugt ist, ihr Land befinde sich auf dem richtigen Weg. Die bekannte kanadische Kolumnistin Carol Goar drückte das Lebensgefühl ihrer Landsleute im Toronto Star einmal so aus: «Zum ersten Mal seit zehn Jahren sind die meisten Kanadier wieder wirklich zufrieden mit sich und ihrem Land.»