Dass die «Washington Post» nicht zufrieden mit der Absolution sein würde, die Donald Trump dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman am Dienstag erteilte, war zu erwarten. Tatsächlich publizierte die Hauptstadtzeitung am Mittwoch erneut einen Kommentar, in dem sie mit der Reaktion des amerikanischen Präsidenten auf die Ermordung des saudischen Publizisten Jamal Khashoggi – der auch für die «Post» arbeitete und in der Agglomeration von Washington einen Zweitwohnsitz besass – scharf kritisierte. «Herr Trump verrät amerikanische Werte», donnerte der anonyme Kommentator, weil der Präsident die wirtschaftliche und strategische Allianz mit der saudischen Königsfamilie höher als die vollständige Aufklärung des grausamen Todes Khashoggis gewichte. Es war der mittlerweile vierte kritische Kommentar der «Post» in der vergangenen Woche; ein publizistisches Sperrfeuer, das seinesgleichen sucht.

Der heftigen Kritik an Trump schlossen sich aber auch führende demokratische und republikanische Aussenpolitiker an. In dieser Gruppe befanden sich die üblichen Verdächtigen – Abgeordnete, die Trump schon lange als rückgratlos kritisieren und sagen, er lege viel zu grossen Wert auf gute wirtschaftliche Beziehungen mit kaltblütigen Diktatoren. So ätzte der Republikaner Bob Corker auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: «Ich hätte nie geglaubt, dass das Weisse Haus eines Tages nebenher als PR-Beauftragter für den saudischen Kronprinzen tätig werden würde.» Corker ist noch bis Ende Jahr Vorsitzender des aussenpolitischen Ausschusses im Senat, und er übt regelmässig Kritik an der Vorliebe des amerikanischen Präsidenten für ausländische Herrscher, die sich nicht an demokratische Gepflogenheiten halten.

«Durchgeknallt»

Auch Lindsey Graham äusserte sich allerdings in einer ersten Reaktion höchst verstimmt. Der republikanische Senator und Berater Trumps bezeichnete Mohammed bin Salman als «durchgeknallt» und verglich das Auftreten des Kronprinzen auf der globalen Bühne mit einer Abrissbirne. Die strategische Allianz zwischen Amerika und Saudi-Arabien liege auch ihm am Herzen, sagte Graham während eines Auftrittes in der Talkshow «Hannity» auf dem «Fox News Channel» (einem der Lieblingsprogramme des Präsidenten), aber er werde Khashoggi «nicht im Stich lassen». Mit Verweis auf den Status, den Khashoggi als Bewohner der USA besass, sagte Graham: Amerika müsse nun deutlich machen, dass ausländische Nationen die USA nicht geringschätzig behandeln und «zivilisatorische Normen» verletzen könnten. Graham sagte auch, dass Saudi-Arabien stärker auf Amerika angewiesen sei als umgekehrt. Deshalb wäre es eine «gute Idee», würde die Herrscherfamilie MBS, wie der Kronprinz gemeinhin genannt wird, durch jemanden ersetzen, der weniger kontrovers sei.

Und falls der saudische König (der Vater von MBS) diesen Wink mit dem Zaunpfahl nicht versteht, dann werde das Parlament in Washington tätig und Sanktionen gegen den Kronprinzen verabschieden, der den Mord an Khashoggi in Auftrag gegeben habe, sagte Graham.

Wirtschaft im Vordergrund

Trump versucht derweil, die wirtschaftlichen Vorteile einer engen Allianz mit Saudi-Arabien in den Vordergrund zu stellen. Das Königreich kaufe amerikanische Produkte im Wert von «Hunderten von Milliarden Dollar», behauptete er am Dienstag, und deshalb könnten die USA die Partnerschaft nicht aufkündigen. «Ich werde nicht die Weltwirtschaft zerstören, und ich werde nicht die Wirtschaft unseres Landes zerstören, indem ich etwas Dummes mit Saudi-Arabien mache», sagte Trump. Interessant daran ist: Die Behauptung, Saudi-Arabien kaufe amerikanische Produkte im Wert von mehreren hundert Milliarden Dollar, lässt sich nicht belegen. Monatlich exportieren US-Firmen derzeit nur Güter im Wert von 1,1 Milliarden Dollar nach Saudi-Arabien, Tendenz sinkend. Zum Vergleich: Die Exporte amerikanischer Firmen in die Schweiz beliefen sich im September 2018 auf 2,8 Milliarden Dollar.