Hier ein Grüner – da ein Rechtspopulist: Klarer könnte die Alternative nicht sein. Zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer verläuft eine Wasserscheide, die sich von dort weiter durch die ganze Gesellschaft und durch Europa zieht. Das machte die Wahl weit über Österreichs Grenzen so spannend. Ausgerechnet hier, wo man Kontroversen gern ausweicht, wo auf jeden klaren Satz stets eine Relativierung folgt, scheiden sich jetzt die Geister am schärfsten.

Der Riss geht durch Dörfer, durch Familien, Arbeitsstätten, Pfarrgemeinden. Wer meint, sich der Konfrontation durch Schweigen entziehen zu können, wird von den Umstehenden eines Besseren belehrt. Es hilft nichts: Jedem kann man an der Nase ansehen, wen von den beiden er gewählt hat. Man hat das schön an Irmgard Griss studieren können, der parteiunabhängigen Kandidatin, die aus dem ersten Wahlgang vor vier Wochen mit beachtlichen 19 Prozent hervorgegangen war. Obwohl Frau Griss sich eisern ausgeschwiegen hat, wussten trotzdem alle ganz genau, dass sie den Grünen wählen würde. Am Ende musste sie es zugeben. Sonst hätte sie sich lächerlich gemacht.

Conchita Wurst und Gabalier

Zwar hat ein österreichischer Präsident keine exekutiven und erst recht keine legislativen Kompetenzen. Aber gerade weil es inhaltlich um nichts ging, ging es zugleich um alles. Die Meinungscluster umfassen die Flüchtlingspolitik, die Europäische Union, Kindertagesstätten, die Homo-Ehe, und selbst in der Popmusik stehen einander die schräge Conchita Wurst und der Lederhosensänger Andreas Gabalier wie die Troubadours zweier feindlicher Heerlager gegenüber. Die Ruhe in Österreich widerspricht der Polarisierung nicht, im Gegenteil. Je schärfer die Gegensätze, desto stiller muss es um des lieben Friedens willen werden.

Die Sozialdemokraten, die liberale Opposition, fast die gesamte konservative Volkspartei, der Wiener Kardinal und etliche katholische Verbände, die Industrie – ja, praktisch die gesamte Wirtschaft: Sie alle scharten sich um den Grünen. Man musste es gar nicht offen tun; es reichte, bestimmte Codewörter wie «Offenheit», «Abschottung», «Europa» zu verwenden. Und der grüne Kandidat wusste genau, was die Stunde geschlagen hatte. Der einstige Rebell nahm die Huldigung durch das Establishment ohne Triumph und ohne Überraschung entgegen und spielte seine Rolle als Streiter für die eine Hälfte der Gesellschaft überzeugend.

Nicht um Projekte, Ideen oder Visionen stritten beide Seiten. Ein Modell dafür, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll, haben weder Grüne noch Blaue. Rot und Schwarz, die Komplementärfarben einer zu Ende gehenden Phase, haben es erst recht nicht.

Keine Partei sucht überhaupt noch nach dergleichen. Alles um sie her entwickelt sich in rasantem Tempo, ohne dass die Politik die Entwicklungen irgendwie herbeigeführt hätte: Das ist die Grundstimmung, die alle teilen. Ob der Präsident oder die Regierung nun die Zuwanderung, den Welthandel, die wachsende Zahl der Ehescheidungen, das Zusammenwachsen Europas oder was auch immer gut finden oder schlecht, ist gar nicht wichtig. Es geschieht ohne ihr Zutun.

Dammbauer und Flösser

Die einen wollen gegen den reissenden Gebirgsbach der Geschichte einen Damm bauen und verdrängen dabei, wie irrwitzig die Idee ist. Schon die Hoffnung, ein Land wie Österreich könne durch Abschottung nach aussen und Beschränkung auf seinen nationalen Markt seinen Wohlstand halten, muss binnen eines Jahres im Desaster enden. Die anderen versuchen zu navigieren. Am Strom ändern beide nichts.

«Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch», hat in Goethes Drama der weise Graf Egmont die Grundstimmung einer ganz ähnlichen Epoche zusammengefasst: «Und uns bleibt nichts, als mutig gefasst die Zügel festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken.»

Dass die Flösser und die Dammbauer ausgerechnet im gemütlichen Österreich so hart aufeinandertreffen, hat viele Gründe. Einer von ihnen liegt in der Grösse des Landes: Es ist klein genug, dass niemand sich einbilden könnte, per Wahl oder Abstimmung auf den Gang der Welt gross Einfluss nehmen zu können. Andererseits ist es gross genug, um von einem nationalstaatlichen Weg wenigstens noch zu träumen.

In den grösseren Staaten Europas fällt die Kontroverse einstweilen noch sanfter aus. In Wien fürchtet man sich weniger vor dem Experiment mit den Rechtspopulisten, was nicht nur an der jahrzehntelangen Verleugnung der Nazi-Vergangenheit liegt. Ein Grund ist auch, dass insgeheim auch Norbert Hofers Wähler darauf vertrauen, dass der Gang der Dinge nicht wirklich in Wien entschieden wird. Aus der EU austreten etwa will hier niemand. Umgekehrt tut die Regierung sich schwerer als etwa die mächtigere deutsche, sich in Krisenzeiten Autorität zu verschaffen.