Im Herbst 2009 belagern Medien aus aller Welt – von den USA bis hin nach Japan – die Schule in Liebefeld-Steinhölzli in der Berner Gemeinde Köniz. Der Grund: Spekulationen machten die Runde, Kim Jong-Un, Sohn des Herrschers Kim Jong-Il, sei in der Schweizer zur Schule gegangen. Zuvor hatten asiatische Medien berichtet, dass der Diktator seinen jüngsten Sohn als Nachfolger bestimmt hatte.

Die Gemeinde Köniz – völlig überfordert mit der Situation –  wollte umgehend an einer professionell einberufenen Pressekonferenz orientieren. Viel wurde dabei jedoch nicht bekannt. Man spiele bei den Spekulationen rund um den Koreaner nicht mit. Dennoch wollte die Schule einen örtlichen Aufenthalt von Kim Jong-Un weder bestätigen noch dementieren. Eine offizielle Bestätigung blieb bis heute aus.

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«Ein netter Junge»

Mehr als von den örtlichen Behörden erfuhr die Presse von zwei Mitschülern, die mit Kim Jong-Un, der unter dem falschen Namen Un-Pak in Liebefeld-Steinhölzli eingeschrieben gewesen sein soll. «Er war damals ein sehr netter Junge. Ich war mit ihm sehr gut befreundet. Denn wir wurden gleich am Anfang zusammen an ein Pult gesetzt. So hatte unsere Freundschaft begonnen», sagte Joao Micaelo gegenüber der Berner Zeitung.

Er habe Kim Jong-Un, der an der Kirchstrasse gewohnt haben soll, bei den Hausaufgaben geholfen, sehr viel Basketball gespielt und Jackie-Chan-Filme geschaut. «Er hat mir mit der Zeit gesagt, dass sein Vater der Herrscher von Nordkorea sei. Nur hatte ich es ihm nie geglaubt, weil ich dachte: Was macht so einer hier in Köniz?», sagte der portugiesische Schulfreund.

Joao Micaelo soll einer der wenigen gewesen sein, der damals viel mit ihm zu tun hatte. Denn mit Mädchen mochte er nicht viel anfangen: «Ich habe in der ganzen Zeit kein einziges längeres Gespräch mit ihm geführt», sagt eine Mitschülerin, die aufgrund internationaler Medien anonym bleiben will, gegenüber der Berner Zeitung.

Sie glaubt, dass es sich bei diesem Jungen, der 1998 bis 2000 in der Steinhölzli-Schule war, um Kim Jong-Un gehandelt haben muss. «Ich habe ihn auf den Bildern im Fernsehen erkannt.»

Mitten im Jahr wurde er von Micaelos Klasse zur Klasse der anonymen Mitschülerin versetzt. Bald sei er dann regelmässig von einem grossen Mercedes von der Schule abgeholt worden. «Danach dachten wir schon, er sei vielleicht der Sohn eines Botschafters oder von reichen Eltern und hatten uns keine weiteren Gedanken gemacht», sagt die Mitschülerin weiter.

Er habe immer die neusten Nike-Air-Jordan-Turnschuhe getragen und sei jeweils in einem Sportanzug von Adidas herumgelaufen. Als Kim-Jong-Un versetzt wurde, sei er am Anfang sehr aggressiv gewesen sein.

«Er trat uns in die Schienbeine oder spuckte uns sogar an», erzählt die Mitschülerin. Mit der Zeit sei er dann aber etwas aufgetaut und verhielt sich ruhiger.

Nicht integrierter Einzelgänger

Integriert war er aber nicht. Er habe kaum Deutsch gesprochen und galt als Einzelgänger, Privates habe er nie etwas erzählt, wenn überhaupt, dann nur mit seinem Freund Joao Micaelo. Doch auch er kannte jene Leute nicht, bei denen Kim Jong-Un wohnte. «Sie sprachen nur Koreanisch oder Englisch. Und ich war sehr schlecht in Englisch. Eigentlich brachte er mir die Sprache bei», so Micaelo.

Was Kim Jong-Un nach der Berner Schulzeit gemacht hat, weiss niemand. Presseberichten zufolge besuchte er anschliessend die nach seinem Grossvater benannte Kim Il-Sung-Militärakademie in Pjöngjang. Nachdem sein Vater im August 2008 einen Schlaganfall erlitt, ging es für den «Ex-Berner» schnell. So wurde er in der Herrscherfamilie «junger Kapitän» genannt.

Experten glauben, dass Kim Jong-Un allein über die Intelligenz und den Machtinstinkt verfügt, um an der Spitze zu bestehen. Auch das erforderliche Mass an Skrupellosigkeit soll er verfügen. Deshalb geht man davon aus, dass Kim Jong-Un weiterhin an der Militärpolitik festhält, und das umstrittene Atom- und Raketenprogramm vorantreibt. Immerhin wurde nach Kim-Jong Ils Tod bereits eine Kurzrakete getestet. (sha)