Attentat

Der Mörder von Tucson: Wer ist Jared Loughner?

Das offizielle Bild nach seiner Festnahme.

Jared Lee Loughner

Das offizielle Bild nach seiner Festnahme.

Gabrielle Giffords hat wundersamerweise überlebt. Amerika aber rätselt über ihren Attentäter. Vor allem: Was war das Tatmotiv des Jared Loughner?

Er grinst wie einst Joker in «Batman». Aber Jared Loughner ist kein Klassenclown, sondern derzeit Amerikas Todfeind Nummer eins. Zugleich ist Loughner der jüngste Massenmörder Amerikas: 22 Jahre alt. Ein Bundesgericht in Phoenix wirft ihm zwei Morde und drei Mordversuche vor; sechs Menschen starben, vierzehn wurden schwer verletzt, darunter die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords (40).

Diese sei inzwischen wach und reagiere auf die Ärzte, teilte der Neurochirurg Michael Lemole mit. Es sei ein Wunder. Giffords habe aber weiter einen Beatmungsschlauch, um ihre Atmung zu unterstützen.

Während Obama am Mittwoch erneut nach Tucson reisen will, der Kongress seine Arbeit niedergelegt hat, tobt in Foren und Blogs ein Streit über die Interpretation dieses Attentats. Zugleich fragt man sich: wer ist Jared Loughner überhaupt, der Mann des Schreckens?

Unauffällig in der Highschool, auffällig im College

In seiner High School war Jared noch nicht verhaltensauffällig war. Mitschüler beschreiben ihn als «eher links», dem Marihuana und der Rockmusik zugetan, mit einem harmlosen Faible für Verschwörungstheorien und Weltuntergangsszenarien. 2006 verliess er vorzeitig die High School und jobbte. Seine Kommilitonen am Pima Community College, das einen zweiten Bildungsweg für Schulabbrecher anbietet, bemerkten dagegen rasch, dass etwas mit Loughner nicht stimmte. Zwischen Februar und September 2010 verständigte man fünf Mal wegen Ausfälligkeiten die Campus-Polizei. Am 29. September wurde Loughner schliesslich suspendiert; nur gegen Vorlage einer «Unbedenklichkeitserklärung» bezüglich seines Geisteszustandes könne er zurückkehren, beschied man ihm.Im letzten Jahr hatte er sich von seinen Freunden vollkommen abgekapselt. Die Beziehung zu seinen Eltern, wo er wegen Geldmangel weiter wohnte, war wegen seiner häufigen unkontrollierten Wutausbrüche gestört.

Ein Reporter des Magazins Mother Jones hat mit Bryce Tierney gesprochen, einem früheren Freund Loughners aus Schule und Highschool, der noch in der Nacht vor der Tat einen Anruf von Loughner bekam, aber wegen einer Fernsehsendung keine Lust hatte, ans Telefon zu gehen. «Hey Mann, hier ist Jared. Du und ich, wir hatten gute Zeiten. Peace out», hinterliess Loughner auf dem Anrufbeantworter. Als Tierney am nächsten Tag die Nachricht von den tödlichen Schüssen beim Bürgertreff mit der Abgeordneten Giffords hörte, fürchtete er sofort, Loughner könnte der Täter sein.

«Die Regierung kontrolliert unser Denken»

Denn Tierney hatte die lang anhaltende Empörung mitbekommen, mit der Loughner auf ein Treffen mit der Abgeordneten ungefähr 2007 reagiert hatte. Bei einer Bürgerversammlung hatte ihr Loughner die Frage gestellt: «Was ist eine Regierung, wenn Worte keine Bedeutung haben?» Als die Abgeordnete dann zum nächsten Fragesteller überging, war Loughner wütend. «Er sagte 'Kannst du dir das vorstellen, sie hat meine Frage nicht beantwortet!' Ich hab ihm gesagt, dass kein Mensch diese Frage beantwortet hätte, aber seither war er wütend und hielt Giffords für Fake», erinnert sich Tierrey.

Die Frage, die Loughner gestellt hatte, passt zu den Dingen, mit denen er sich in den letzten Jahren offenbar immer mehr beschäftigte. Er bezweifelte die Realität, fragte nach der Existenz von Wirklichkeit, von Leben. Er war überzeugt von Wachträumen, war besessen von der Idee, diese Träume kontrollieren zu können. «Ich bin so begeistert davon, weil ich Dinge schaffen und fliegen kann», vertraute er vor rund einem Jahr Freunden an, die ihn mit immer grösserer Sorge betrachteten.

Und er war überzeugt davon, die Regierung mische sich in seine Parallelwelt ein: «Die Regierung kontrolliert unser Denken und unterzieht uns einer Gehirnwäsche, indem sie die Grammatik kontrolliert», heisst es in einem seiner Youtube-Videos. Ein Hinweis auf eine politische Position Giffords, die ihn geärgert hätte, findet sich bislang allerdings nirgends.

Verdacht auf Schizophrenie?

Offizielle Diagnosen über Loughners Geisteszustand gibt es keine, Ferndiagnosen nur zaghafte. Der Psychiater Fuller Torrey, Gründer des «Treatment Advocacy Center» in Arlington, das strengere Gesetze zur Erkennung geistig kranker Menschen fordert, sprach gegenüber der «New York Times» von «99 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass er an Schizophrenie leidet». Kranke mit unbehandelter Schizophrenie könnten in manchen Phasen erstaunlich gut funktionieren, sagte Torrey, auch die wirren Notizen Loughners gegen staatliche «Gehirnwäsche» passten ins Krankheitsbild. Die in Tucson lebende Familie des Täters fühlt sich ihrerseits verfolgt. Sie hat sich buchstäblich in ihrem Haus vor den Reportern und Kamerateams verbarrikadiert. Als Beamte des FBI das Haus ein zweites Mal durchsuchen wollten, mussten sie warten, während die Familie Holzplatten von der Tür entfernte.

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