Alle vier Jahre zeigt sich: Einige der 50 US-Bundesstaaten sind gleicher als die anderen. Während sich Florida, Pennsylvania, Ohio und North Carolina vor Visiten der Präsidentschaftskandidaten (und ihrer Stellvertreter) kaum retten können, machen die Demokratin Hillary Clinton und der Republikaner Donald Trump um Georgia, New Jersey, Massachusetts oder Tennessee einen grossen Bogen. Seit dem Ende der jeweiligen Parteitage im Spätsommer haben Clinton und Trump nur gerade in 15 Staaten (und dem Hauptstadtbezirk District of Columbia) mehrere Wahlkampfauftritte absolviert.

Grafik: Elia Diehl

Erklären lässt sich dieser Fokus auf eine Gruppe von auserwählten Staaten mit dem zweistufigen Wahlsystem, das bei der Präsidentenwahl zur Anwendung kommt – und das sich von nationalen Urnengängen um das Präsidentenamt in Frankreich oder Österreich deutlich unterscheidet.

«The Winner takes it all»

Am 8. November bestimmen die 50 Bundesstaaten und der Hauptstadtbezirk nämlich in formal separaten Abstimmungen, welcher Kandidat die jeweils dem Staat zustehende Zahl von Wahlmänner-Stimmen (Elektoren) gewinnt. Dabei kommt die im angelsächsischen Raum verbreitete Regel «The Winner takes it all» zur Anwendung: Wer die Mehrheit der Stimmen erzielt, der gewinnt sämtliche Wahlmänner, die dem jeweiligen Staat zustehen. Und natürlich gibt es wie immer eine Ausnahme von der Regel: In Nebraska werden drei der fünf Wahlmänner auf der Wahlkreis-Ebene vergeben, in Maine zwei der vier Elektoren.

Bei der Ermittlung der Zahl der Elektoren gilt die Faustregel: Je mehr Einwohner ein Staat zählt, desto mehr Wahlmänner stehen ihm zu. Die Unterschiede sind dabei recht gross: Kalifornien an der Westküste stellt 55 der insgesamt 538 Wahlmänner. South Carolina an der Ostküste hingegen bringt es bloss auf 9 Elektoren.

Die gewählten Elektoren treffen sich am 19. Dezember, um ihre Wahl formell zu ratifizieren. In 25 der 50 Bundesstaaten besteht dabei eine gesetzliche Vorschrift, dass sich die Elektoren an das Ergebnis der Wahl vom 8. November halten müssen. In den übrigen 25 Staaten könnten sich Elektoren theoretisch für einen anderen Kandidaten entscheiden. Solche «untreue Wahlmänner» gab es in der langen Geschichte der USA aber bisher nur in Einzelfällen – und sie beeinflussten nie den Ausgang einer Wahl.

Und wenn keiner die Hürde nimmt?

Schliesslich sammelt das nationale Parlament in Washington die Ergebnisse des «Electoral College» und verkündet zu Beginn des kommenden Jahres das nationale Wahlresultat. Zum Nachfolger von Präsident Barack Obama ist offiziell gewählt, wer die absolute Mehrheit der Wahlmänner-Stimmen auf sich vereinigt. Und sollten sämtliche Anwärter diese Hürde verfehlen, weil Gary Johnson von der staatskritischen Libertarian Party überraschend in New Mexico oder Utah die Mehrheit der Stimmen gewinnt? Dann liegt der Ball beim Repräsentantenhaus. Die grosse Parlamentskammer müsste unter den drei führenden Kandidaten eine Auswahl treffen. Dabei stünde allen 50 Staaten jeweils eine Stimme zu: Sämtliche 53 Abgeordneten aus Kalifornien hätten also gleich viel zu sagen wie die einzige Abgeordnete aus South Dakota. Der Vizepräsident wiederum würde durch die Mitglieder des Senats bestimmt.

Dieses Wahlsystem bringt es mit sich, dass Clinton und Trump ihre Hochburgen getrost ignorieren und sich stattdessen auf die sogenannten «Battleground States» konzentrieren können. Identifizieren lassen sich diese politischen Schlachtfelder mit einem Blick auf die Terminkalender der Präsidentschaftskandidaten und ihrer Stellvertreter. So tritt Trump heute Mittwoch und morgen Donnerstag dreimal in Florida und einmal in Ohio auf. Clinton wiederum ist heute in Pueblo (Colorado) und Las Vegas (Nevada) unterwegs.