Le Général

Der lange Schatten des Generals

Nicolas Sarkozy erweist de Gaulles grab in Colombey die Ehre - Wahlkampf auf Französisch.

Der lange Schatten des Generals

Nicolas Sarkozy erweist de Gaulles grab in Colombey die Ehre - Wahlkampf auf Französisch.

Vor 40 Jahren starb Charles de Gaulle – sein Erbe überlebte bis heute. Eine Spurensuche in seinem Sterbeort Frankreich

Mächtig, ja majestätisch ragt das Lothringer Kreuz aus der einförmigen und regentriefenden Champagne-Ebene, die im 20.Jahrhundert so oft ein gewalti-ges Schlachtfeld war. Das 43 Meter hohe Monument erinnert an die «France libre», das freie Frankreich, das 1940 auch nach der Kapitulation gegen Hitlers Wehrmacht weitergekämpft hatte. Ihr Anführer Charles de Gaulle ruht dagegen in einem äusserst schlichten Grab entlang der Hauptstrasse von Colombey-les-Deux-Eglises. Der General wollte nur seinen Namen und seine Lebensdaten auf dem Grabstein, wie im Kiosk neben dem Friedhof nachzulesen ist. «Kein Staatsbegräbnis, keine Totenrede im Parlament, weder Musik noch Fanfaren noch Geläut» bestimmte er, um ebenso schroff wie vorhersehend anzufügen: «Jede postume Auszeichnung, Beförderung, Würdigung, Zitierung, Ordensverleihung in Frankreich oder dem Ausland weise ich im Voraus zurück.»

Nur das Beste und Grösste war gut genug

Eine Atomstreitkraft, ein permanenter Sitz im UNO-Sicherheitsrat und ein Europa «vom Atlantik bis zum Ural»: de Gaulle wollte nur das Grösste für sein Land, aber nichts für sich selbst. Welch Unterschied zu seinen Nachfolgern und Nachahmern! Heute wird auch Präsident Nicolas Sarkozy nach Colombey pilgern und sich in einer TV-Liveübertragung als Hüter des Gaullismus darstellen. Obwohl er ihm ständig zuwiderhandelt – politisch mit der Rückkehr in die Nato, persönlich mit seinem People-und-Glamour-Stil und dem permanenten Schielen auf die Meinungsumfragen und die nächsten Wahlen. De Gaulle ordnete sein persönliches stets dem nationalen Schicksal unter und nahm 1969 den Hut, als er eine Volksabstimmung verlor.

In einer der beiden Kirchen von Colombey ist nachzulesen, wie sehr ihm die Franzosen nachtrauern: «Wach auf, Charles, sie sind verrückt geworden!», kritzelte einer ins Goldene Buch, ein anderer: «Auf dass Charles de Gaulle uns von dort oben ein weiteres Mal hilft, den Niedergang aufzuhalten, denn wir fallen und fallen...» Über die Jahre hinweg gleichen sich die Einträge. Eigentlich erstaunlich, wie sich die Franzosen noch heute ganz direkt und persönlich an ihn wenden, als würden sie zum lieben Gott beten. Im französischen Selbstverständnis altert de Gaulle nicht mehr, seit er am 9. November 1970 gestorben ist.

Der Widerständige

Das Memorial im Schatten des Lothringer Kreuzes ist eine einzige Danksagung an den «Mann des 18. Juni» – an jenem Tag des Jahres 1940 hatte der weitgehend unbekannte Offizier seine Landsleute über die BBC zum Aufstand gegen die Nazi-Besatzer aufgerufen. Nach dem Krieg erklärte de Gaulle das Vichy-Regime von Marschall Pétain zur «historischen Klammer» und tilgte damit per Federstrich die nationale Schmach der Kollaboration.

1958 betätigte sich der hünenhafte General nicht mehr als militärischer, sondern politischer Retter der Nation, als er mit dem Parteiengezänk und dem Regierungschaos der Vierten Republik aufräumte und die Präsidialverfassung der Fünften ausrief. Danach beendete de Gaulle den furchtbaren Algerienkrieg; im Kalten Krieg wahrte er, wie er in seinen brillanten Memoiren schrieb, Frankreichs «Rang» auf Äquidistanz zwischen den Supermächten.

Nostalgie im Souvenirladen

Im Souvenirladen des kleinen Dorfes Colombey rufen alte Postkarten, Karikaturen und Spielzeugmodelle der schwarzen Staatskarosse Citroën DS eine glückliche Zeit hervor, in der Frankreich über Louis de Funès lachte und Brigitte Bardot anhimmelte. Viel Nostalgie ist da im Spiel. Der Verkäufer erzählt, wie de Gaulle im Elysée selbst noch das gelieferte Poulet fürs Abendessen entgegengenommen und den Metzger aus seiner Hosentasche entlöhnt habe. «Wer von seinen Nachfolgern, die heute sein Erbe vereinnahmen, wäre jemals auf diese Idee gekommen?», fragt der Souvenirhändler.

Kein Gehör hat der Verkäufer für den Einwand, de Gaulle habe Frankreich ein stark autokratisches Regime verpasst, in dem für Gewaltentrennung und Opposition kaum Platz war. Die Franzosen sehnen sich eher nach dem «homme providentiel» («Mann der Vorsehung») als nach horizontaler Demokratie. Deshalb fühlen sie sich ohne de Gaulle als «Waisen», wie der Chefredaktor des Wochenmagazins «L’Express», Christophe Barbier, schon von Jahren in einem in Colombey ausgestellten Buch schrieb. Und deshalb stossen auch die ab und zu erhobenen Vorschläge, in Frankreich eine Sechste Republik mit einem echten Parlamentarismus zu gründen, bis heute auf wenig Echo. Die Franzosen wünschen zwar öfter einen unpopulären Präsidenten auf den Mond – aber nie die Verfassung, die ihm so viel Spielraum für Missbräuche lässt. Als ob die Franzosen, wenn sie schon den General verloren haben, wenigstens noch an sein Regime bewahren wollten.

Wer hat dieselbe Charakterstärke?

Wenn die Verfassung der Cinquième bis heute Bestand hat, dann verdankt sie dies jedoch auch ihrer erstaunlichen Elastizität, die mit sämtlichen Konstellationen fertig wird – sogar der «Cohabitation» zwischen einem Präsidenten und einem Regierungschef entgegengesetzter politischer Lager. Ein älterer Besucher des Memorials sieht darin einen Beweis für die politische Weisheit und Voraussicht seines politischen Idols.

Doch übersah der General mit seiner Präsidialverfassung nicht, dass seine Nachfolger nicht unbedingt die gleiche Charakterstärke haben würden wie er – und die Machtfülle missbrauchen könnten? Das schon, räumt der Besucher ein: Sarkozy setze derzeit die Geheimdienste ein, um missliebige Journalisten auszuspionieren: «Mit solchen Tricks entheiligt er die präsidiale Funktion.» De Gaulle liess sich allerdings auch das Programm der abendlichen Tagesschau vorab servieren, um es allenfalls zensurieren zu können. Doch diese Eingriffe erfolgten laut dem De-Gaulle-Fan nicht im eigenen, sondern im nationalen Interesse.

Unbestritten ist, dass die altmodische Regierungs- und Gesellschaftspolitik de Gaulles ein Mitgrund für die Studentenunruhen von Mai 1968 war. In Colombey stösst man auch auf ein Pamphlet Jean-Paul Sartres, das den Franzosen vorwarf, sie hingen an de Gaulle, so «wie die «Frösche einen König wollen». Oder auf François Mitterrands Frontalattacke gegen de Gaulle namens «Der permanente Staatstreich». Als der Sozialist 1981 ins Elysée einzog, benutzte er die quasimonarchischen Machtkompetenzen der Fünften Republik allerdings selbst zu seinen Zwecken.

In den zahllosen Pressekommentaren und TV-Sendungen zum 40.Todestag de Gaulles bleibt von der damaligen Kritik wenig übrig. Dabei ist sicher eine gewisse Verklärung der jüngeren Vergangenheit im Spiel. Und Frust über die Gegenwart: Wer mit den Bewohnern von Colombey spricht, erhält wie überall im Land den Eindruck, dass sich die Franzosen auch deshalb nach ihrem grossen Staatsmann zurücksehnen, weil ihnen sein aktueller Nachfolger im Elysée so klein vorkommt.

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