Deutschland

Der Krebs hat Westerwelle bescheiden gemacht

Innerlich und äusserlich gewandelt: Der ehemalige FDP-Politiker Guido Westerwelle.

Innerlich und äusserlich gewandelt: Der ehemalige FDP-Politiker Guido Westerwelle.

Der ehemalige FDP-Spitzenpolitiker Guido Westerwelle kehrt nach schwerer Krankheit an die Öffentlichkeit zurück.

Vor eineinhalb Jahren veränderte eine niederschmetternde Diagnose das Leben von Guido Westerwelle: Bei einer Routineuntersuchung nach einem Sportunfall diagnostizierten die Ärzte beim ehemaligen Spitzenpolitiker der deutschen FDP akute Leukämie. Diese Woche ist Westerwelle mit seinem Buch «Zwischen zwei Leben: Von Liebe, Tod und Zuversicht» an die Öffentlichkeit zurückgekehrt – der heute 53-Jährige wirkt dabei wie verwandelt.

Er erzählt von einem Martyrium zwischen Hoffen und Bangen, von der Chemotherapie, die ihre Wirkung verfehlt hatte, von der Stammzellen-Transplantation. Und von seiner Erfahrung mit dieser bedrohlichen Krankheit Krebs, die alle Menschen gleich mache – ob jung oder alt, reich oder arm, schön oder hässlich, es entwickle sich eine Schicksalsgemeinschaft unter den Krebspatienten.

Nichts mehr ist da von der forschen und teilweise überheblich wirkenden Art, die den früheren FDP-Parteipräsidenten und Aussenminister einst zu einem der meist verachteten Politiker Deutschlands machte. Westerwelle erzählt in seinem Buch und bei öffentlichen Auftritten einfühlsam von den Torturen seiner Krankheit. Vor allem aber offenbart der Ex-Spitzenpolitiker, dem wegen seiner stramm neoliberalen Haltung soziale Kälte nachgesagt wurde und der als Schreckgespenst aller Sozialpolitiker galt, eine sehr menschliche Seite, wenn er von Ängsten vor dem Tod schreibt, über den Sinn seiner bisherigen Tätigkeit sinniert und die Liebe zu seinem Lebenspartner würdigt.

«Wie aus einer anderen Welt»

Die Krankheit, erzählt Westerwelle, habe ihn bescheiden gemacht. Er habe sich oft überlegt, wie unnötig er sich über Dinge echauffieren konnte, die letztlich gar nicht wesentlich sind. Nach erfolgreicher Krebs-Therapie «kommt man wieder auf das Wichtige. Man freut sich über den Sonnenaufgang, sieht den wunderbar gefärbten Wald.» Der ehemalige Aussenminister in der schwarz-gelben Koalition (2009 bis 2013) sieht seine früheren Auftritte heute durchaus kritisch. Die damalige Zeit komme ihm heute vor wie «aus einer anderen Welt», er habe dazugelernt. «Aber», sagt Westerwelle heute, «für mich ist diese Zeit auch sehr weit weg. Es ist jetzt auch nicht mehr wichtig.»

Westerwelle erhielt für einen Auftritt in der Sendung «Günther Jauch» enorm viel Zuspruch. Auch frühere politische Gegner würdigten den Mut Westerwelles. Dabei blies dem Ex-Politiker jahrelang ein eisiger Wind entgegen. In der eigenen Partei arbeiteten seine Gegner noch zu Westerwelles Zeit als Aussenminister an dessen Absetzung. Von linker Seite wurde er wegen seiner stramm neoliberalen Art angefeindet. Parteiintern machte man ihn rasch für den Niedergang der FDP persönlich verantwortlich, die bei den Bundestagswahlen 2013 aus dem Bundestag flog.

Westerwelle aber zeigt sich heute versöhnlich. Er habe in den vergangenen eineinhalb Jahren gesehen, wie viel Vertrauen gerechtfertigt gewesen sei, das er Menschen gegeben habe, sagte er in einem Interview mit dem «Spiegel». «Von Gegnern und politischen Weggefährten, bei denen ich es nie für möglich gehalten habe. Die wirklich zu mir standen, sich erkundigten und Zuspruch gaben. Es ist nicht so, dass die Politik nur eine kalte, hässliche Welt ist.»

Dennoch plant Westerwelle, der die Krankheit Leukämie noch nicht völlig überwunden hat, keine Rückkehr in die Spitzenpolitik. «Ich habe komplett andere Sorgen als die Frage, was ich beruflich machen werde. Ich möchte nicht nur überleben, ich möchte auch leben, ich möchte am Leben teilhaben. Ich möchte unter Menschen sein», sagte er in der Sendung «Günther Jauch».

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