Es ist ein bisher einmaliger Vorgang in der Geschichte des sogenannten Islamischen Staats (IS): Anstatt mit Siegen zu prahlen, hat IS-«Kalif» Abu Bakr al-Bagdadi in einer im Internet veröffentlichten Audio-Botschaft Durchhalteparolen verbreitet, um die nach schweren Niederlagen angeknackste Moral seiner Terrorkrieger zu stärken. Gleichzeitig werden die Gegner als Feiglinge verhöhnt. 

«Habt Geduld, denn Gott der Allmächtige ist mit euch», heisst es in der unter der Losung «Wartet. Auch wir warten mit euch» veröffentlichten Hetzrede des IS-Chefs. Al-Bagdadi ruft darin alle Muslime dazu auf, die Anstrengungen im Abwehr-Kampf gegen die «Ungläubigen» zu unterstützen.

Saudis zum Aufstand aufgerufen

Der verbale Rundumschlag des Top-Terroristen dauert 24 Minuten lang. Fast die ganze Welt überzieht der hysterisch klingende Iraker mit wilden Drohungen. Heftige Kritik übt al-Bagdadi an der saudischen Führung, die am 15. Dezember ein loses Bündnis aus 34 Staaten gegen den IS geschmiedet hatte. «Wäre diese Koalition wirklich islamisch, hätte sie den Völkern in Syrien und dem Irak längst den Sieg gebracht», behauptet der selbst ernannte «Kalif», der das saudische Volk zum Aufstand gegen das «vom Glauben abgefallene» Königshaus aufruft.

Israel wird von al-Bagdadi mit Terroranschlägen bedroht. Palästina werde zum Friedhof der Juden werden, heisst es in den Absichtserklärungen des IS-Führers, in denen «Erfolgsmeldungen» dieses Mal gänzlich fehlen.

IS-Kämpfer aus Ramadi geflüchtet

Sowohl im Irak als auch in Syrien sind die Terrormilizen in die Defensive geraten. Den von kurdischen Rebellenverbänden dominierten «Demokratischen Kräften Arabiens» (DFS) ist es mit Unterstützung der US-Luftwaffe über die Weihnachtstage gelungen, den strategisch bedeutenden Tischrin-Staudamm zurückzuerobern. Die Route über die riesige Staumauer war der wichtigste Nachschubweg des IS zwischen seiner Hochburg Rakka und der Türkei. Alle Brücken über den Euphrat sind inzwischen gesprengt worden oder werden jetzt von den Gegnern der Dschihadisten kontrolliert. Im neuen Jahr müssen sie damit rechnen, von den «Demokratischen Kräften Arabiens» in Rakka umzingelt zu werden.

Am Sonntag meldete die irakische Armee auch die Rückeroberung der Provinzhauptstadt Ramadi. Irakischen Soldaten sei es gelungen, die Kontrolle über den Amtssitz der Provinzregierung und damit über den letzten Rückzugsort der IS-Terroristen zu erlangen, erklärte Armeesprecher Sabah al-Numani gestern Sonntag.

Damit sei der IS in Ramadi besiegt. Es habe kaum Widerstand gegeben. Zahlreiche IS-Kämpfer seien geflohen oder bei Luftangriffen getötet worden. Die US-geführte Allianz hatte den Vormarsch der Soldaten aus der Luft unterstützt. Für die Regierung in Bagdad ist die Rückeroberung Ramadis einer ihrer grössten Erfolge im Kampf gegen den IS.

Die Offensive hatte am Dienstag begonnen. Sie kam aber nur langsam voran, da die Armee nach Angaben des Sprechers Opfer unter der Zivilbevölkerung vermeiden wollte und auch viele Sprengsätze in Häusern und am Strassenrand entschärfen musste. Nach der Einnahme des Regierungsgebäudes müssten nun nur noch vereinzelte IS-Kämpfer in der Stadt aufgespürt werden.

Laut einer Untersuchung des in den USA ansässigen Institutes «IHS Jane’s» haben die IS-Terrormilizen im zu Ende gehenden Jahr etwa 14 Prozent der von ihr kontrollierten Territorien in Syrien und dem Irak verloren. Niederlagen mussten die Dschihadisten vor allem dort verkraften, wo sie mit Bodentruppen konfrontiert wurden.