Terrormiliz

Der Islamische Staat ist zurück: Doch er ist nicht das einzige Problem von Iraks neuem Premierminister

Familienangehörige betrauern einen Soldaten, der in Syrien von IS-Terroristen umgebracht worden ist. (Bild: Keystone)

Familienangehörige betrauern einen Soldaten, der in Syrien von IS-Terroristen umgebracht worden ist. (Bild: Keystone)

Die Terrormiliz macht sich die Coronakrise auf perfide Weise zunutze.

Gut ein Jahr nach der Zerstörung ihres «Kalifats» ist die Terrormiliz Islamischer Staat wieder da. IS-Trupps tauchten vor wenigen Tagen rund 50 Kilometer nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad auf und töteten mindestens zehn Soldaten. Der Angriff war keine Einzelaktion. In mehreren Gegenden des Iraks und Syriens ist der IS wieder auf dem Vormarsch. «Langsam und methodisch» gehe die Terrormiliz bei ihrer Rückkehr vor, sagt der IS-Experte Charles Lister.

Als die Extremisten im März 2019 den letzten Rest ihres Kalifats nach einer Offensive der US-geführten Anti-IS-Koalition aufgeben mussten, zogen sich viele Kämpfer in die Wüstenregion Badia zurück. Die syrische Regierung hat seit dem vergangenen Jahr versucht, den IS an einem Ausbruch aus dem riesigen, dünn besiedelten Gebiet zu hindern, sagt IS-Experte Lister. Dieser Versuch sei gescheitert, weil die Armee von Baschar al-Assad andere Prioritäten habe: Assad versucht derzeit, die Rebellenhochburg Idlib im Nordwesten Syriens zu erobern.

Seit dem Ausbruch der Coronapandemie geht die Terrormiliz wieder in die Offensive, besonders im Irak. In der Provinz Kirkuk griffen die Dschihadisten im April dreimal so häufig an wie im März. Im Norden von Bagdad terrorisieren IS-Kämpfer die Bauern, wie ein örtlicher Clanchef gegenüber der Nachrichtenagentur AFP sagte: Es sei wie beim Höhepunkt der IS-Feldzüge im Jahr 2014. Rund 3000 IS-Kämpfer soll es inzwischen wieder im Irak geben.

Der Islamische Staat geht systematisch vor. Die Dschihadisten greifen häufig in der Nähe von Fernstrassen an, die sie anschliessend für den Schmuggel oder zur Erpressung von Passiergebühren nutzen. Knapp drei Millionen Franken im Monat nehme der IS damit ein, sagt die Denkfabrik CGP.

Iraks neuer Premier war mal BBC-Journalist

Die irakische Regierung hat dem Islamischen Staat wenig entgegenzusetzen. Wegen der Coronakrise wurde die Zahl der Soldaten in den Krisenregionen des Landes reduziert.

Hoffnung gibt einzig das Ende der politischen Dauerkrise in Bagdad. Ein halbes Jahr nach dem Rücktritt von Regierungschef Adel Abdul Mahdi, der von Massenprotesten gegen Korruption und Misswirtschaft aus dem Amt gejagt wurde, hat der neue Ministerpräsident Mustafa al-Kadhimi am Donnerstag das Ruder übernommen. Der IS ist jedoch nur eines von vielen Problemen auf seiner Liste. Auch der Ölpreisverfall setzt dem Irak heftig zu.

Vor allem aber muss der ehemalige Geheimdienstchefs Kadhimi eine Gratwanderung zwischen dem Verbündeten USA und dessen Hauptfeind Iran vollführen: Beide Staaten wollen ihren Einfluss im Irak ausweiten.

Der 53-jährige Jurist, der einst im britischen Exil als Journalist für die BBC arbeitete, wird von Washington geschätzt und vom Iran geduldet. Wenn er trotzdem scheitert, droht der Irak im Chaos zu versinken.

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