Am Tag, als Bundeskanzlerin Angela Merkel letzte Woche in Berlin Ivanka Trump und Königin Maxima der Niederlande traf, besuchte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die Fischräucherei «Meergold» im holsteinischen Eckernförde. Er trug einen weissen Plastikkittel und eine Plastikhaube und twitterte: «Einen neuen Anzug zum Besuch einer Fischräucherei anziehen – keine gute Idee! ;-)»

Schulz ist bemüht, auch im Norden Deutschlands volksnah und arbeiterfreundlich aufzutreten. Er will damit nicht zuletzt seinem Parteigenossen Torsten Albig zur Wiederwahl als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein verhelfen.

Saarland war der Anfang vom Ende

Am Sonntag wählt Schleswig-Holstein einen neuen Landtag. Mit rund 2,9 Millionen Einwohnern zählt es zu den kleineren Bundesländern Deutschlands. Wie die Wahl ausgeht, ist völlig offen. Sicher ist nur, dass sie ein weiterer Stimmungstest für die Bundestagswahlen im Herbst ist. Im März wählte schon das Saarland einen neuen Landtag, die CDU gewann dort überraschend deutlich mit über 40 Prozent.

Das war der Anfang vom Ende des sogenannten «Schulz-Effekts». Der frühere Präsident des Europäischen Parlaments konnte seit Bekanntgabe seiner Kanzlerkandidatur die Zustimmung für die Sozialdemokraten nur kurzfristig beflügeln. Seit Ende März verliert die SPD bundesweit an Zustimmung, während die CDU sich konstant an der Spitze hält.

Die Küstenkoalition wackelt

Im schleswig-holsteinischen Kiel regiert seit 2012 der Sozialdemokrat Torsten Albig zusammen mit den Grünen und dem Südschleswigschen Wählerbund (SSW) (siehe Box rechts). Das Bündnis hat so klingende Spitznamen wie «Dänen-Ampel», «Gambia-Koalition» (wegen der Nationalfarben Gambias: Rot-Grün-Blau) oder «Küstenkoalition».

Die Verhältnisse im nördlichsten Bundesland sind kompliziert. Die Mehrheitsverhältnisse hängen auch davon ab, ob es die Alternative für Deutschland (AfD) und die Linke in den Landtag schaffen. Sicher ist: Die Küstenkoalition wackelt, der Wahlausgang ist offen.

Kaum jemand zweifelt daran, dass es die Grünen und auch die liberale FDP wieder in den Kieler Landtag schaffen. Der Südschleswigsche Wählerbund ist von der Fünf-Prozent-Klausel ausgenommen und wird ohnehin wieder im Landeshaus vertreten sein.

Im Wahlkampfendspurt diese Woche waren sowohl Albig als auch sein Herausforderer Daniel Günther von der CDU davon überzeugt, dass ihre Partei am Sonntag jeweils mit mindestens 35 Prozent vorne liegen wird und den nächsten Regierungschef stellt. Die jüngsten Umfragen sahen die SPD in Schleswig-Holstein allerdings bei 29 Prozent, die CDU bei 33 Prozent.

Albig sagt trotzdem: «Wir werden 35 Prozent holen und deutlich vor der Union liegen. Ich habe viele Wahlkämpfe gemacht und sie alle gewonnen.» Ob Martin Schulz mit seinem Besuch in der Fischräucherei «Meergold» etwas zu einem erneuten Sieg beitragen kann, ist fraglich.

Am 14. Mai wählt dann auch das bevölkerungsreichste, traditionell sozialdemokratisch regierte Bundesland Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag. Dort wird sich endgültig zeigen, was vom «Schulz-Effekt» übrig geblieben ist.

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