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Der Frust über die Eliten ist gross: Wieso Lateinamerika rebelliert

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Chile, Ecuador, Venezuela, Haiti, Bolivien: In Lateinamerika ist der seit langem schwelende gesellschaftliche und politische Konflikt in offene Rebellion umgeschlagen.

Auf dem ganzen Halbkontinent macht sich der Unmut über ­Armut, Gewalt, Ungleichheit, Autoritarismus und fehlende Teilhabe Luft – gegen linke Regierungen ebenso wie gegen rechte, in friedlichen Protesten, aber auch in gewaltsamem Vandalismus. Bevölkerungsgruppen, die früher wenig miteinander verband, solidarisieren sich im Frust über eine Elite, die als unsensibel, egoistisch und realitätsfremd empfunden wird – und die in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation die Kosten von Strukturanpassungen auf die unteren Schichten abwälzen will.

Die Wirtschaftskrise setzte grosse Teile der Bevölkerung unter Stress, so die bolivianische Psychologin Silvana Vincenti. «Dieser Stress wird über die sozialen Netzwerke potenziert und entlädt sich als teilweise irrationales Massenphänomen auf den Strassen.»

«Das ist wie eine Invasion von Ausserirdischen»

Als die ersten Metrostationen in Flammen aufgingen und sich niemand an die Ausgangssperre hielt, rief Piñeras Ehefrau Cecilia Morel eine Freundin an. «Wir sind total überfordert. Das ist wie eine Invasion von Ausserirdischen», kommentierte sie, um dann doch wieder in die Realität zurückzufinden: «Ich fürchte, wir werden unsere Privilegien zusammenstreichen und mit den anderen teilen müssen.»

Doch niemand weiss so recht, wie der Flächenbrand zu löschen ist. Parteien und Institutionen haben das Vertrauen der Bürger verloren. Einer hilflos oder mit Repression agierenden Elite steht eine massive, aber ideologisch unförmige Front mit unterschiedlichsten Forderungen und ohne klare Anführer gegenüber. Aufgewühlte Gewässer, in denen viele Gruppen gerne fischen – angefangen von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro, der auf Ablenkung vom eigenen Versagen setzt und auf neue Verbündete hofft, bis hin zu Russland, das seine wirtschaftlichen Beziehungen und geopolitischen Einfluss gerne im Hinterhof der USA ausdehnen würde.

Es ist ein Wendepunkt, aus dem Revolutionen entstehen können – oder Diktaturen. Geraten Demokratien in Lateinamerika in Legitimationskrisen, münden sie üblicherweise in Autoritarismus und Populismus mit wirtschaftlich eher negativen Folgen für die Bevölkerung. Beispiele sind Venezuela, das 1999 den Linkspopulisten Hugo Chávez wählte, oder Brasilien, das voriges Jahr den Neofaschisten Jair Bolsonaro an die Macht brachte. Oder Honduras und Nicaragua, wo sich mit Wahlbetrug und Repression zwei höchst umstrittene Politikerclans an der Macht halten – einer segelt unter konservativer Flagge, der andere unter sozialistischer.

«Es gibt keine Patentlösung», sagt der Politologe Carlos Malamud. «Denn die Gründe für die Unruhen sind überall unterschiedlich.» Während ein Land eine wirtschaftliche Neuausrichtung benötige, müsse ein anderes seine politischen Institutionen reformieren. Einen Lichtblick sieht Malamud trotzdem – und zwar in einem Land, das sonst immer nega­tive Schlagzeilen machte: Kolumbien. Bei der Regionalwahl ­vorige Woche stärkten die Wähler das politische Zentrum auf Kosten rechter und linker Ex­treme.

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