Balkanroute

Der Flüchtlingsstrom staut sich nun in Serbien

Nur eine Pause in Belgrad: Auch diese Flüchtlinge wollen wohl weiter in ein EU-Land. key

Nur eine Pause in Belgrad: Auch diese Flüchtlinge wollen wohl weiter in ein EU-Land. key

Mazedonien lässt - nach der zwischenzeitlichen Schliessung der Grenze - die Menschen wieder nordwärts und Richtung EU-Länder weiterziehen. Viele wollen nach Ungarn - doch das Land wird die Grenze mit einem 1,5 Meter hohen Nato-Draht verlegen.

Nach der Schliessung seiner Grenze am vergangenen Donnerstag lässt Mazedonien seit Samstag Flüchtlinge wieder durch. Am Wochenende trafen mehr als 5000 Menschen aus dem Balkanland im südserbischen Presevo ein. Der Chef des örtlichen Roten Kreuzes, Ahmed Halimi, sprach sogar von 6000 bis 8000.

Ein Teil der Ankommenden fuhr mit Bussen weiter in die Hauptstadt Belgrad. Von dort versuchen sie, Ungarn zu erreichen. Der Grenzübertritt in das EU-Land wird aber täglich schwieriger, weil die ungarischen Behörden in grosser Eile an ihrem Grenzzaun zu Serbien arbeiten. Bis zum nächsten Wochenende will die Regierung laut Premier Viktor Orbán die gesamte 175 Kilometer lange Grenze zu Serbien anderthalb Meter hoch mit Nato-Draht verlegt haben. Bis Ende November soll der Wall zusätzlich mit einem vier Meter hohen Stahlzaun gesichert werden.

Flüchtlinge durchbrechen mazedonische Polizeisperren

22. August 2015: Flüchtlinge durchbrechen mazedonische Polizeisperren

Schon jetzt finden sich kaum noch Schlupflöcher nach Ungarn. Der Flüchtlingsstrom staut sich in diesen Tagen vor allem in Belgrad. Im Zentrum der serbischen Hauptstadt sind Flüchtlinge überall anzutreffen. Hunderte kampieren vor dem Hauptbahnhof und im kleinen Bristol-Park zwischen Haupt- und Busbahnhof.

Spezialpolizei organisiert Transport

In Mazedonien und Serbien dürfen die Flüchtlinge, wenn sie sich registrieren lassen, 72 Stunden lang legal öffentliche Verkehrsmittel nutzen und zahlen dafür den üblichen Fahrpreis. In Ungarn sind es 48 Stunden. De facto wird die Möglichkeit nur dazu genützt, ins jeweils nächste Land zu gelangen. In der Nacht auf gestern verliessen 50 Busse mit etwa 5000 Passagieren Gevgelija an der griechisch-mazedonischen Grenze. Gestern trafen sie nach und nach in Serbien ein.

Auch Minibusse mit den Kennzeichen sämtlicher mazedonischer Städte wurden in Presevo gesichtet. Ankommende berichteten, sie seien weder von der mazedonischen noch von der serbischen Polizei behelligt worden. Organisiert wurde der Transport von der speziellen Schnellen Eingreiftruppe der mazedonischen Polizei – derselben Einheit, die noch am Freitag an der griechisch-mazedonischen Grenze mit Tränengas und Blendgranaten gegen die Flüchtlinge vorgegangen war.

Die mazedonische Polizei erklärte, sie werde Flüchtlinge auch weiterhin passieren lassen, und zwar in Gruppen von je 200 bis 300. Mazedonien hatte am Samstag seine Grenze zu Griechenland wieder geöffnet, nachdem in Gevgelija Tausende Flüchtlinge an zwei Stellen den Sperrkordon durchbrochen hatten. In die mazedonische Grenzstadt ergoss sich eine Welle von 4000 bis 5000 Menschen, mehr als doppelt so viele, wie in den letzten Tagen vor der Schliessung täglich angekommen waren. «Die Polizei hat die Kontrolle verloren», so der Augenzeuge Jasmin Rexhepi von der Hilfsorganisation Legis. «Als sie die Leute auch mit Gewalt nicht mehr aufhalten konnten, haben sie sie einfach durchgelassen.» In der Stadt habe «das absolute Chaos» geherrscht.

Serbiens Rechte fordert Grenzzaun

Die Nacht auf Sonntag verbrachten Tausende Flüchtlinge auf Bänken, in Parks, in Hauseingängen oder einfach auf Bürgersteigen. Zahlreiche mazedonische Hilfsorganisationen, manche von ihnen sind spontan entstanden, verteilten Decken, Hemden, Schuhe, Windeln und 2500 Proviantpakete. «Wir haben Tränen getrocknet und viele zerrissene Familien wieder zusammengeführt», erzählt eine Aktivistin.

Nach dem Chaos der vergangenen Tage war Gevgelija gestern wie leergefegt. Vor dem Erstaufnahmezentrum im serbischen Presevo dagegen bildete sich eine Schlange von einem halben Kilometer Länge. Ankommende werden dort registriert und erhalten von Mitarbeitern des Uno-Flüchtlingshilfswerks, des Roten Kreuzes und des serbischen Flüchtlingskommissariats Pakete mit Lebensmitteln und Hygiene-Artikeln.

Die Regierung in Belgrad macht keine Anstalten, ihre Grenze zu schliessen. Verteidigungsminister Bratislav Gasic besuchte gestern das Aufnahmezentrum in Presevo, nahm einen kleinen syrischen Jungen auf dem Arm und suchte mit ihm gemeinsam dessen verlorene Tasche. Nur die kleine rechtsoppositionelle «Volkspartei» verlangte erneut die Aufrichtung eines Grenzzauns gegen Mazedonien.

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