Syrien

Der Familien-Clan, der in der Überzeugung handelt, das Richtige zu tun

In mehr als vier Jahrzehnten hat es der Assad-Clan gelernt, sich auch in Zeiten der Isolation zu behaupten.

Voller Nostalgie und Sehnsucht erinnern sich ältere Anhänger des Regimes in Damaskus in diesen Tagen an die Zeiten, in denen Hafis al-Assad noch in Syrien herrschte. Hinter vorgehaltener Hand äussern sie die Überzeugung, dass es «mit Hafis am Ruder» nicht zu dem Aufstand gekommen wäre. Niemals hätte der im Jahr 2000 verstorbene Vater des amtierenden syrischen Präsidenten den «so verhängnisvollen Kurs» seines Sohnes eingeschlagen.

Gemeint ist der «Damaszener Frühling», den der junge Baschar al-Assad nach seinem Amtsantritt mit dem Versprechen, Syrien zu öffnen und zu reformieren, eingeleitet hatte. Baschar, so seine internen Kritiker, habe damit die Fundamente für die spätere Revolte gelegt.

Dem syrischen Geheimdienst war es damals nach einer kurzen Periode der Hoffnung auf Freiheit zwar gelungen, den Damaszener Frühling noch im Keim zu ersticken. Die Büchse der Pandora, behaupten die Kritiker, war jedoch geöffnet.

Zu grosse Fussstapfen

12 Jahre später erübrigt sich die Frage, wie sich Syrien entwickelt hätte, wenn Assad seinen vorsichtigen Reformkurs durchgesetzt hätte. Der junge Präsident wurde von seinem Clan zurückgepfiffen.

Er musste erkennen, dass die Fussstapfen seines Vaters viel zu gross für ihn waren. Im Gegensatz zu seinem Vater, der sich die Macht erkämpfen musste, hatte Baschar, der als Augenarzt Karriere machen wollte und nach dem Unfalltod seines Bruders Basil zur Nachfolge verdonnert worden war, den Thron nur geerbt.

Ohne eigene Machtbasis war und ist Baschar al-Assad gezwungen, sich auf seinen Familienclan zu stützen. Das funktionierte zunächst recht gut. Baschar, der unmittelbar nach der Machtübernahme die Sunnitin Asma geheiratet hatte, präsentierte sich weiterhin als Reformer und Erneuerer, während sein jüngerer Bruder Maher und sein Schwager Asef Schaukat für Stabilität im Sinne des Clans sorgten.

Der als skrupellos und jähzornig beschriebene Maher kommandiert die Republikanischen Garden. Auch die Elitetruppen der vierten syrischen Armee folgen seinen Befehlen. Der mit Baschars älterer Schwester Buschra verheiratete Asef Schaukat koordinierte die Geheimdienste und ist seit 2009 Stellvertreter des syrischen Generalstabschefs.

Aufgeben? Kommt nicht in Frage

Palast-Insider in Damaskus berichten immer wieder über Spannungen zwischen Asef Schaukat und Maher Assad. Schaukat habe 1999 auf Maher geschossen und 2008 gar einen Putsch angezettelt.

Sollte sich die Krise in Syrien verschärfen, könnte ein erneuter Putsch aus dem inneren Machtzirkel nicht ausgeschlossen werden, glauben Regimegegner. Der holländische Syrien-Kenner Nikolaos van Dam gibt möglichen Putschisten jedoch kaum Chancen: «Allein der Gedanke daran, könnte sie das Leben kosten.»

Dennoch stellt van Dam, der als Botschafter seines Landes mehr als zwei Jahrzehnte im Nahen Osten tätig war, die Frage, wer in Syrien tatsächlich regiert. Ist Baschar al-Assad, der sich zunächst auf ein beschauliches Luxusleben in England eingestellt hatte, inzwischen in die Rolle des Staatspräsidenten hineingewachsen? Allein die Amtseinsetzung bedeute nicht, dass Baschar sein Land auch regiere. Sicher sei jedoch, dass Baschar gebraucht werde, um den Clan zusammenzuhalten.

Denn Aufgeben kommt für den alevitischen Familienclan, der sich nach Jahrzehnten der Unterdrückung und Demütigung durch die sunnitische Bevölkerungsmehrheit die Macht regelrecht erkämpfte, nicht infrage.

Um Handlungsspielraum zu gewinnen, versuchten Alleinherrscher wie die Assads immer wieder Zwischenlösungen für entstehende Probleme zu finden, analysiert der an der Georgetown-Universität von Washington (DC) lehrende Politologe Joseph Sasson. Dabei handelten sie in der tiefen Überzeugung, stets das Richtige zu tun und am Ende recht zu behalten.

Mächtige Verbündete

Baschar al-Assad sieht die Macht seines Clans offenbar nicht gefährdet. In mehr als vier Jahrzehnten haben es die Assads gelernt, «Verschwörungen» zu bekämpfen und sich auch in Zeiten der Isolation zu behaupten. Das schweisst zusammen.

Der Druck des Westens und der Golf-Araber wächst zwar stetig. Im Gegensatz zu Saddam Hussein, der vor seinem Sturz auf sich allein gestellt war, können sich die Assads aber noch auf viele mächtige Verbündete verlassen.

Russland und China halten ihnen auf dem internationalen Parkett den Rücken frei. Und im Mittleren Osten haben nicht nur Iran, sondern auch die Nachbarstaaten Libanon und Irak zu erkennen gegeben, dass sie das Assad-Regime fast ohne Vorbehalte unterstützen werden.

Für einen nicht zu unterschätzenden Teil der syrischen Bevölkerung besteht daher kein Anlass, den Assads die Gefolgschaft zu verweigern und sich gegen sie zu wenden. In die Hände des Regimes spielt ausserdem die Tatsache, dass die syrische Opposition zwar äusserst aktiv, aber zerstritten ist - und mit dem vermehrten Auftreten radikaler Islamisten die aufrechten Regimegegner diskreditiert werden könnten.

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