Glenn Kessler ist zuständig für den «Fact Checker»-Blog der «Washington Post». Er überprüft Aussagen von Figuren des öffentlichen Lebens auf den Wahrheitsgehalt und bewertet diese auf einer Skala, die von einem bis zu vier Pinocchios reicht.

Herr Kessler, was ist eigentlich ein Fakt?

Glenn Kessler: Eine Aussage, die auf einer Tatsache beruht. In unserem Kontext bedeutet das: Eine Behauptung eines Politikers oder eines Interessenverbandes.

Wie halten Sie es mit Meinungsäusserungen? Wenn etwa jemand sagt, Donald Trump lüge notorisch, wenn er über die Sicherung der Grenze zu Mexiko spreche. Überprüfen Sie auch diese Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt?

Nein, wir befassen uns in erster Linie mit Tatsachenbehauptungen. Aber natürlich haben wir ständig mit dem Präsidenten zu tun. So haben wir dokumentiert, dass er seit Amtsantritt mehr als 7600 Stellungnahmen abgab, die entweder falsch oder irreführend waren. Darunter befinden sich auch zahlreiche Falschaussagen über die Mauer.

Politiker setzen doch ständig Behauptungen in die Welt und es ist nicht immer nachvollziehbar, auf welchen Grundlagen diese Aussagen beruhen.

Da muss ich widersprechen. Wir können die meisten Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen. Die Beweislast liegt allerdings bei der Person, die für die Behauptung verantwortlich ist. Wir kontaktieren sie und fragen: Warum sagen Sie das? Welche Beweise haben Sie? Und wenn sie ihre Aussagen nicht dokumentieren können, dann wirkt sich dies auf die Zahl der Pinocchios aus.

Gibt es auch Grenzfälle?

Es kommt häufig vor, dass jemand eine Behauptung aufstellt, die im Kern der Wahrheit entspricht, diese dann aber in einen falschen Zusammenhang stellt. Das ist unter dem Strich irreführend.

Laufen Sie nicht Gefahr, Wortklauberei zu betreiben, wenn Sie über den Kontext von Aussagen spekulieren?

Nein, nein, nein, nein! Das ist eine lächerliche Aussage, denn es gibt keine absolute Wahrheit und keine kompletten Lügen. Würden wir Ihrer Prämisse folgen, dann kämen Politiker ungeschoren davon. Behauptungen müssen immer in einen Kontext gesetzt werden, und das ist keine Haarspalterei.

Eine konservative Wochenzeitschrift schrieb einmal: Die «Fact Checker» seien eine Gruppe von Reportern ohne besonderen Erfahrungsschatz, die pseudowissenschaftliche Urteile über Aussagen von öffentlichen Figuren träfen, bei denen es sich ganz offensichtlich um Behauptungen handle.

Ich kann mit dieser Kritik nichts anfangen und verstehe den Begriff pseudo-wissenschaftlich nicht. Worauf wollen Sie heraus?

Politiker stellen Behauptungen auf, die Meinungsäusserungen enthalten …

… aber uns sind Meinungsäusserungen egal. Diese Kritik ist unzulässig. Wir haben auch nie behauptet, dass wir mit wissenschaftlichen Methoden arbeiten. Wir verteilen Pinocchios, damit die Leser unsere Einschätzung nachempfinden können. Aber in erster Linie handelt es sich dabei um ein Instrument zur Unterhaltung der Leser, um einen Marketing-Trick. Ich habe nie behauptet, dass ich der Hohepriester der Wahrheit bin.

Mit der Vergabe der Pinocchios erwecken Sie aber diesen Eindruck. Das Resultat Ihrer Analyse überschattet bisweilen die Begründung.

Unsere Hauptaufgabe ist es, zu dekonstruieren, was Politiker sagen. Wie viele Pinocchios wir jeweils verteilen, spielt dabei keine zentrale Rolle. Wichtig ist, dass wir eine Auslegeordnung über die Fakten geben und aufzeigen, auf welchen Grundlagen ein Politiker eine Behauptung aufgestellt hat.

Können Sie uns dazu ein Beispiel geben?

Vor einigen Tagen schrieb ich eine Kolumne über die Behauptung der Demokraten, der Präsident habe bisher nur 6 Prozent der Mittel ausgegeben, die ihm das Parlament zur Befestigung der Grenze zu Mexiko bewilligte. Ich ging sämtliche Dokumente durch und zeigte, dass weit mehr Geld für künftige Bauvorhaben reserviert ist und entsprechende Verträge abgeschlossen wurden. Und dass die Demokraten die Unwissenheit der amerikanischen Bevölkerung ausnutzten, indem sie mit Begriffen operierten, die einen falschen Eindruck vermitteln. Ich vergab drei von vier möglichen Pinocchios. Man kann hier anderer Meinung sein, damit habe ich kein Problem. Aber ich habe meinen Auftrag erfüllt und dargelegt, warum man die Behauptung mit Skepsis zur Kenntnis nehmen soll.

Häufiger als mit den Demokraten beschäftigen Sie sich mit dem Präsidenten. Im vorigen Jahr zwang er Sie förmlich dazu, Ihr System anzupassen.

Im Dezember haben wir den «Bottomless Pinocchio» ins Leben gerufen. Wir vergeben diese Auszeichnung für Aussagen, die wir mit drei oder vier Pinocchios bewertet haben und die dennoch mindestens 20-mal wiederholt werden. Und wir haben das getan, weil wir zur Kenntnis nehmen mussten: Die meisten Politiker halten inne, wenn wir sie einer Falschaussage überführen. Nicht so Trump. Er macht einfach weiter.

Sie wollen die Bevölkerung aufklären und nehmen mit Ihrer Kolumne Einfluss auf das Verhalten der Politiker im Washingtoner Politikbetrieb. Über solche Versuche, den politischen Diskurs zu regulieren, setzt sich der Präsident aber hinweg.

Es ist nicht unser Antrieb, das Verhalten von Politikern zu beeinflussen. Wir wollen vielmehr die Wählerinnen und Wähler informieren. Und basierend auf Umfragen, ziehe ich den Schluss, dass die Wähler der Meinung sind, der Präsident sage nicht die Wahrheit. Selbst seine treusten Anhänger glauben ihm nicht, wenn er grobe Unwahrheiten wiederholt. Meiner Meinung nach spielt es also keine Rolle, was Trump macht. Vielmehr spielt es eine Rolle, ob die Amerikaner die Informationen absorbieren, die wir zur Verfügung stellen. Und dafür gibt es zumindest Indizien.

Ganz ehrlich: Wäre es nicht einfacher, Sie würden verkünden, was ohnehin schon jeder weiss, und Trump der notorischen Lüge bezichtigen.

Wir untersuchen ständig neue Behauptungen des Präsidenten, weil wir konstant Anfragen von unseren Lesern bekommen.

Stellt der Präsident, der mit seinen Falschaussagen und Lügen so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, anderen Politikern einen Freibrief aus, weniger oft die Wahrheit zu sagen?

Das Gegenteil trifft zu. Demokraten – insbesondere Politiker, die mit einer Präsidentschaftskandidatur liebäugeln – geben sich zunehmend Mühe, den Fakten treu zu bleiben und ihre Behauptungen nötigenfalls mit Statistiken zu untermauern. Ich glaube, das ist eine Reaktion auf Donald Trump.