Nach der Proklamation des Kalifats vor einer Woche konnte und wollte der selbst ernannte «Kalif» nicht länger im Verborgenen leben. Bislang war Omar al-Baghdadi der «unsichtbare Scheich», von dem es kaum Bilder gab. Doch nun musste er sein Gesicht zeigen, damit sich die «Massen», die Isis gewinnen möchte, mit «ihrem Kalifen» identifizieren können. Für seinen ersten öffentlichen Auftritt, der in HD-Qualität ins Internet gestellt wurde, wählte der Terrorpate die Nouri-Moschee in der Millionenstadt Mosul, die von der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isis) kontrolliert wird.

Zu sehen ist ein stattlicher Mann mit einem schwarzen Gewand und einem schwarzen Turban, der den neuen «Befehlshaber der Gläubigen», Amir al-Muminin, als direkten Nachkommen des Propheten Mohammed ausweisen soll. Langsam schreitet er zur Kanzel. Dabei kann der «Kalif» mit dem schwarz-grauen Vollbart ein leichtes Hinken nicht verbergen. In seiner 20-minütigen Predigt fordert al-Baghdadi den «Gehorsam» aller Muslime ein.

Eine Schuhnummer zu gross

Der «Kalif» spricht zwar frei. Sein Arabisch, analysieren Experten, ist mitunter fehlerhaft und stark dialektgefärbt. Einige Passagen seiner Ansprache wirken «wie auswendig gelernt», merkt der Politologe Asad Abu Khalil auf seinem Weblog «The Angry Arab» an. Im Gegensatz zu seinen hemmungslos mordenden Kriegern präsentiere sich al-Baghdadi «zögerlich und ohne Selbstvertrauen», eben wie ein Mann, für den der Posten des «Kalifen» eine Schuhnummer zu gross ist.

Für «unverzeihlich und kontraproduktiv» hält nicht nur Abu Khalil die wortwörtliche Übernahme einer berühmt gewordenen Rede des ersten recht geleiteten Kalifen Abu Bakr durch den «Plagiator» al-Baghdadi. «Ich bin zu eurem Führer gewählt worden, obgleich ich nicht besser bin als irgendeiner von euch», hatte der Nachfolger der Propheten Mohammed damals den Gläubigen verkündet: «Wenn ich etwas Gutes tue, gebt mir eure Unterstützung. Tue ich etwas Falsches, dann macht mich darauf aufmerksam.»

Nicht nur gemässigte, sondern auch viele streng gläubige Muslime betrachten die Rede al-Baghdadis als eine unerträgliche Anmassung. Sie fühlen sich von seiner Dreistigkeit überrumpelt, wirken ohnmächtig und hilflos. Das zeigt auch die Reaktion der irakischen Regierung, die das Video mit dem Auftritt des «Kalifen» als «Fälschung» bezeichnete – anstatt sich mit dem gefährlichen Irrsinn auseinanderzusetzen.

Von der Maliki-Regierung am Wochenende verbreitete Berichte über seinen möglichen Tod oder eine schwere Verwundung des «Kalifen» an der syrisch-irakischen Grenze sind reines Wunschdenken. Al-Baghdadi lebt. Da sind sich die meisten Experten inzwischen einig. Allerdings tragen solche Berichte dazu bei, Omar al-Baghdadis selbst gebasteltes Image als neuen Heiligen zu untermauern. Dabei ist der «neue Kalif der Gläubigen» lediglich ein «miserabler Schauspieler, der sich aus dem heiligen Koran einige Suren herauspicke, um die Massen zu manipulieren, versucht Abu Khalil die «unnötige Euphorie» um den Plagiator des Kalifen zu dämpfen.

Kämpfe um Tikrit dauern an

Vorerst hat die irakische Armee einen weiteren Vormarsch der Terrorgruppe Isis in Richtung Bagdad aufhalten können. Regierungssoldaten wehrten einen Angriff von Isis-Kämpfern auf den Luftwaffenstützpunkt Camp Speicher nördlich der Stadt Tikrit ab. Das berichtete das irakische Nachrichtenportal «Al-Sumeria News» unter Berufung auf die Polizei vor Ort. Den Extremisten seien grosse Verluste zugefügt worden. Über Opfer aufseiten des Militärs gab es keine Angaben. Die Kämpfe dauerten noch an, hiess es weiter.

Tikrit liegt rund 170 Kilometer nordwestlich von Bagdad. Armee und Isis-Milizen kämpfen seit Tagen um die Stadt. Das Militär konnte nach eigenen Angaben auch einen Angriff der Aufständischen auf eine wichtige Ölraffinerie in dem Ort Baidschi abwehren. Die Isis beherrscht grosse Teile im Norden und Westen des Iraks.