Afghanistan zählt zu den gefährlichsten Ländern der Welt – Terroranschläge und Entführungen beweisen das immer wieder. Trotzdem lebt und hilft Alberto Cairo hier seit 27 Jahren. Er startete damals als Assistenzarzt, leitet mittlerweile sieben Orthopädie-Zentren und erreicht mit seinem Team über 160 000 Behinderte und Kriegsversehrte. Für seinen unermüdlichen Einsatz im Dienste des Roten Kreuzes wurde der Italiener 2010 für den Friedensnobelpreis nominiert.

Wir trafen Alberto Cairo im amerikanischen Cambridge, wo er an einem Anlass des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) teilnahm. Es war lange vor dem vergangenen Samstag, als eine Autobombe im Stadtzentrum von Kabul explodierte, über hundert Personen tötete und doppelt so viele verletzte – wenige Kilometer von Cairos Büro entfernt. Und es war auch vor dem tragischen Zwischenfall im Norden des Landes, wo ein Patient eine Mitarbeiterin und gute Freundin von Cairo erschoss, vermutlich mit einem terroristischen Hintergrund (siehe Box unten).

Obwohl all dies erst noch auf ihn zukommen würde, erzählte Cairo bereits beim Treffen mit der «Nordwestschweiz», wie schwierig die Situation in Afghanistan momentan sei: «Als ich Anfang der 90er ankam, war die Bevölkerung zwar kriegsmüde, aber sie hatte Hoffnung, dass alles bald vorbei sein würde. Mittlerweile haben viele diese Hoffnung aufgegeben.»

Positive Diskriminierung

Es sei wichtig, ab und zu wieder mal etwas anderes zu sehen als Staub und Dreck, erzählt Cairo. Seinen Aufenthalt in Cambridge nutzte er, um sich mit Forschern der Elite-Universität MIT auszutauschen, welche ähnlich wie ETH-Professor Robert Riener an neuen Hightech-Prothesen forschen. Das habe ihn schon etwas traurig gemacht, erzählt Cairo: «Hier hat man Technologien zur Verfügung, von denen wir in Afghanistan nicht mal träumen können.» Eine einzelne Prothese dürfe nicht mehr als ein paar hundert Franken kosten, erzählt der Arzt.

«Gleichzeitig war es aber auch ein toller Vorgeschmack darauf, was in zehn, zwanzig Jahren vielleicht auch in meinen Kliniken möglich sein wird. Es ist sehr ermutigend, wenn man weiss, dass jemand Zeit, Energie und Geld in die Entwicklung neuer Technologien investiert.» Eigentlich hatte Alberto Cairo Anwalt werden wollen. Nach bestandenem Examen entschied er sich dann aber doch anders, machte eine Ausbildung zum Physiotherapeuten und erhielt vom IKRK drei Wochen vor Abflug Bescheid, dass er bald nach Afghanistan reisen würde. Wo dieses Land genau liegt, welche Sprache man dort spricht und wie das Wetter sein würde, all das wusste Cairo nicht. Nach seiner Ankunft verliebte sich der Arzt aber schnell in das krisengeschüttelte Land. Er wechselte nicht nach einigen Jahren den Standort, wie es beim Roten Kreuz sonst üblich ist, sondern leistet nach wie vor seinen ersten Einsatz. Heute besitzt er zwar noch ein Haus am Lago Maggiore, nicht weit von der Schweizer Grenze entfernt, aber er kann sich nicht mehr vorstellen, Afghanistan für mehr als ein paar Wochen pro Jahr zu verlassen.

«Ich kann nirgends so nützlich sein wie hier. Mit ein paar hundert Dollar kann ich in Afghanistan jemandem aus dem Rollstuhl helfen und so sein Leben verändern. In Europa ist das viel teurer, dauert länger und ausserdem braucht es noch unzählige Bewilligungen.» Es sei eigentlich ziemlich widersprüchlich, findet Cairo: Durch das Fehlen von Regeln herrsche hier ein enormes Chaos, gleichzeitig könne er so aber Dinge erreichen, die sonst nie möglich wären.

Seit er in Afghanistan anfing, habe er viel dazugelernt, erzählt Cairo. Unter anderem, dass es nicht genügt, jemandem, dem ein Bein fehlt, wieder ein Bein zu geben: «Viel, viel wichtiger als eine gute Prothese ist die soziale Wiedereingliederung.» Deshalb hat Cairo bei all seinen Orthopädie-Zentren das Prinzip der «positiven Diskriminierung» eingeführt: Angestellt wird nur, wer selber eine Behinderung hat. Damit ermöglicht er, der «Engel von Kabul», seinen ehemaligen Patienten den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt, gleichzeitig werden Kriegsversehrte und Behinderte so ausschliesslich von Personen betreut, welche den Therapieprozess selber durchgemacht haben.

«So können sich die Pfleger besser in den Patienten hineinversetzen.» Mittlerweile beschäftigt Cairo 800 Mitarbeiter in ganz Afghanistan – fast alle haben selber eine Behinderung. Und dabei hatte er sich anfangs noch gesträubt, einen seiner Patienten anzustellen: «Ich war blind. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns nur um die körperliche Rehabilitation kümmern müssen und alles andere keine Priorität hat. Dabei ist das doch viel wichtiger.»

So kam es, dass Cairo heute seinen Patienten nicht nur Prothesen und Jobs gibt, sondern für sie auch Privatlehrer und Mikrokredite organisiert. Vor kurzem haben ihn seine Mitarbeiter sogar zur Einführung eines Sportprogramms überredet: «Auch hier hatte ich wieder das Gefühl, dass so etwas in einem Land wie Afghanistan doch keine Priorität haben darf. Auch hier lag ich wieder komplett falsch.»

Cairo organisierte ein Probetraining für Rollstuhlbasketball – und merkte schnell, was das mit seinen Patienten macht. Plötzlich seien sie wie verwandelt gewesen, erzählt er mit grossen Gesten und strahlenden Augen. «Sie konnten wieder stolz auf sich sein und hatten endlich wieder Selbstbewusstsein!»

Der Arzt an der Seitenlinie

Cairo intensivierte das Training, bekam Hilfe von einem professionellen Rollstuhlbasketball-Coach aus den USA, liess Turnhallen bauen und organisiert heute regelmässig Turniere, wo er selber als Schiedsrichter auf dem Platz steht. Sport sei ein Menschenrecht, ist er unterdessen überzeugt. Und der Erfolg gibt ihm recht: Seine Patienten nehmen regelmässig an internationalen Turnieren im Ausland teil, wohin Cairo sie ab und zu begleitet. «Wenn ich dann an der Seitenlinie stehe, zuschaue und mitjuble, dann kommt so richtig der Italiener aus mir heraus.» So wie der Arzt das erzählt, kann man es sich nur zu gut vorstellen.

Mit seiner humanitären Arbeit kommt Alberto Cairo an die Grenzen dessen, was in einem Land mit viel Krieg und wenig Geld möglich ist. Sein Team hat Tausenden Menschen wieder auf die Beine geholfen. Und trotzdem ist die Erwartungshaltung noch einiges höher: «Das Internet ist unterdessen auch bei uns ziemlich verbreitet. Wenn meine Patienten dort mal wieder von Gedankensteuerungen und Roboteranzügen lesen, fragen sie mich danach ganz enthusiastisch, wann diese Technologien endlich auch in Afghanistan verfügbar sind.» Das sei zwar schon die Zukunft, antwortet Cairo dann jeweils. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.