Politische Gewalt gab es schon immer. Um Macht wird gekämpft. Auch «irrationale Formen» gab es, Gewaltanwendung (vor allem Tyrannenmord) völlig ohne Aussicht auf Erfolg. Im Grenzbereich waren Aufstände, meist gegen imperiale Grossmächte, nationalistisch-ethnisch oder allenfalls religiös-ideologisch motiviert. Was in Deutschland ab 1967 passierte, war allerdings etwas Neues. Der bewaffnete «Kampf gegen das System» unter Anwendung brutaler Gewalt auch gegen Unbeteiligte, damit tut man sich heute noch schwer. Die Leute, die das taten, waren Fanatiker, allerdings ohne Rückhalt in der Bevölkerung. Dass so etwas nie auch nur im Ansatz funktionieren konnte, war von Anfang an klar. Trotzdem pflanzte sich die Gewalt weiter, neue Gefolgsleute schlossen sich dem aussichtslosen Unternehmen an. Und es hörte nicht auf. In dieser Hinsicht war der RAF-Spuk sehr «deutsch».

Der «deutsche Herbst»

Vor 40 Jahren, am 5. September 1977 am frühen Abend, wurde in Köln der Präsident des Industrie- und Arbeitgeberverbandes, Hanns Martin Schleyer, entführt. Die RAF-Entführer feuern mehr als 100 Schüsse ab. Schleyers Fahrer wird 5-mal getroffen, die drei Begleitpolizisten zusammen über 100-mal. Alle vier sind tot. Schleyer übersteht das Inferno unverletzt. Er wird in einem VW-Bus weggebracht und in eine Wohnung in Köln gebracht, später nach Holland, dann nach Brüssel. Man findet ihn am 19. Oktober tot im Kofferraum eines Autos.

Die Entführer stellen eine Forderung: Elf inhaftierte Mitglieder der RAF sollen freigelassen werden. Unter ihnen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die am 28. April 1977 zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Bundeskanzler ist damals Helmut Schmidt (SPD). Für ihn ist klar, dass man nicht nachgeben wird. Nicht nach der Brutalität dieser Entführung, nicht nach der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto. Buback wurde in seinem Auto von einem Motorrad aus erschossen, Ponto sollte entführt werden, um die Stammheimer Gefangenen freizupressen.

Der «Fall Ponto» war speziell. RAF-Sympathisantin Susanne Albrecht hatte eine Schwester, die das Patenkind von Jürgen Ponto war, dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank. Man bedrängte sie: Sie solle sich dem bewaffneten Kampf anschliessen und als «Türöffner» dienen. Die Entführung war für den Herbst terminiert, aber die Pontos wollten den Sommer in Südamerika verbringen. Die Sache musste improvisiert werden. Die Entführer, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, verloren in Pontos Arbeitszimmer die Nerven und eröffneten das Feuer.

Bundeskanzler Helmut Schmidt, BKA-Chef Horst Herold und CDU-Chef Franz-Josef Strauss waren im Zweiten Weltkrieg junge Offiziere gewesen. Sie hatten damals – so sagte es Schmidt – wenigstens eines gelernt: «In Gefahr nicht gleich den Verstand zu verlieren.» Sie spielten auf Zeit.

Aber es wurde noch schlimmer. Am 13. Oktober 1977 entführte das Kommando «Martyr Halimeh», vier junge Palästinenser, die Lufthansa-Maschine «Landshut» mit 86 Passagieren an Bord auf dem Heimflug von Mallorca. «Palästinensische und deutsche Genossen» sollen freigelassen werden. Die GSG-9 stürmte das Flugzeug nach längerer Irrfahrt in Mogadischu. Drei Entführer sind tot, eine schwer verletzt. Die Passagiere unversehrt. Kapitän Jürgen Schumann war vorher erschossen worden. Und im Gefängnis in Stammheim findet man die Leichen von Andreas Baader und Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe stirbt kurz darauf.

Die Stammheimer Gefangenen hatten schon länger mit Selbstmord gedroht. Nochmals 20 Jahre oder mehr im Gefängnis wollten sie nicht. Trotzdem behauptete die RAF – wie schon nach dem Selbstmord von Ulrike Meinhof 1974 – sie seien «hingerichtet» worden.

Es begann in Berlin

Wie sollen wir jetzt umgehen mit dem RAF-Spuk? 1967 schon war ein von Polizeigewalt geprägtes Jahr. Während Studentenprotesten gegen den Vietnam und den Schah-Besuch in Berlin wurde der Student Benno Ohnesorg «in Notwehr» in den Hinterkopf geschossen. Vom Stasi-Maulwurf in der Polizei, Karl-Heinz Kurras. Zwischen der Studentenschaft und der Polizei herrschte Krieg. Einige, die sich später radikalisierten, wurde damals von der Polizei verprügelt.

Offenbar war die Stasi von Anfang an dabei. Horst Mahler, eine wichtige Figur auch später, war Stasi-Informant. Peter Urbach, der Waffen und Sprengstoff besorgte, war wahrscheinlich Doppelagent. Auf jeden Fall Vertrauensmann des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

33 Mordopfer, 21 tote RAF-Mitglieder und 5 von der Polizei erschossene Unbeteiligte, 230 Verletzte, 250 Millionen Euro Sachschaden und Milliarden an Staatsaufwand. So viel weiss man, vieles bleibt immer noch dunkel. Einige aus der RAF haben geredet, andere nicht. Nicht alle Mörder sind bekannt.