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Der CDU droht in der Kanzler-Frage die Spaltung – ist das die Chance für CSU-Chef Markus Söder?

CSU-Chef Markus Söder im bayrischen Landtag.

CSU-Chef Markus Söder im bayrischen Landtag.

Markus Söder ist trotz seines Knallhart-Kurses in der Corona-Krise beliebt. Doch nun muss er eine Äusserung gerade rücken.

Ausgerechnet Markus Söder musste von Ilse Aigner, der Präsidentin des bayerischen Landtages, zur Einhaltung der Schutzmassnahmen angehalten werden. Der Mund-Nasen-Schutz müsse auch auf den wenigen Metern vom Rednerpult zum Sitzplatz getragen werden, sagte sie zu Ministerpräsident Söder gewandt. Der tat, was ihm befohlen, und setzte seine Maske mit der weiss-blauen Bayern-Raute über.

Der 53-Jährige dürfte sich über seine Unachtsamkeit selbst am meisten geärgert haben. Er, der in der Corona-Pandemie an der Seite der von ihm und seiner CSU noch in der Flüchtlingskrise so hart attackierten Kanzlerin Angela Merkel zum Mahner der Nation geworden war und gebetsmühlenartig für die Einhaltung der Corona-Massnahmen geworben hatte. In den 30 Minuten, bevor er durch die Landtagspräsidentin gemassregelt werden musste, schwor Söder das bayerische Parlament in einer Regierungserklärung auf ein gemeinsames Vorgehen im Kampf gegen Corona ein. Ab Montag gelten auch in Bayern Kontaktbeschränkungen, machen Kneipen dicht, schliessen Sportstätten. «Es ist Zeit aufzuwachen», sagte Söder an einer Stelle. Und am Ende appellierte er an die Vernunft der Menschen im Freistaat und im gesamten Land, die bis Ende November angesetzten Massnahmen strikte einzuhalten: «Nur durch Rücksicht werden wir Corona stellen.»

«Und dann kommt die Polizei»

Um Söder ist in den letzten Monaten geradezu ein Personenkult entstanden. Die Umfragewerte schossen in der Hochphase der ersten Corona-Welle im Frühjahr für den Regierungschef in seinem Freistaat in die Höhe, um die 90 Prozent der Bayern zeigten sich zufrieden mit ihrem Landesvater. Noch immer geniesst der Franke hohe Beliebtheit, obwohl er bei seinen mahnenden Auftritten bisweilen ins Schulmeisterliche abgleitet und es für Beobachter so wirken kann, als tadle der strenge Lehrer seine Schüler, die nur Flausen im Kopf haben. Doch in dieser Woche ist Söder einigen dann doch zu weit gegangen. Weil in Bayern auch die Kontakte im privaten Bereich während des Mini-Lockdowns begrenzt werden, setzt der Landesvater auf die Mithilfe der Bevölkerung - etwa dann, wenn private Feten in Wohnungen gefeiert werden. Vorgehen könne die Polizei dann wie bei Nachtruhestörungen. «Dann können Nachbarn entsprechende Hinweise geben, und dann kommt die Polizei.» Das klingt in den Ohren mancher nach Anstiftung zum Denunziantentum. Söder musste sich gegen Kritik der FDP und der AfD wehren, er stifte die Bürger dazu an, die unartigen Nachbarn bei den Behörden zu verpetzen. Der Ministerpräsident versuchte gestern zu beschwichtigen. «Es gibt keinen Aufruf, da Hinweise zu geben. Diese Interpretation war weder so gedacht noch so beabsichtigt.» Wie dem auch sei: Wie er seine Aussage denn sonst gemeint haben will, liess Söder offen.

Im schnelllebigen Politzirkus dürfte der CSU-Chef diese kurze Welle der Empörung unbeschadet überstehen. Noch immer gilt der Bayer als möglicher Nachfolger von Kanzlerin Angela Merkel, die im Herbst 2021 nach 16 Jahren im Kanzleramt zurücktreten wird. Söder beteuert zwar bei jeder Gelegenheit, sein Platz sei in Bayern. Doch die Deutschen halten so grosse Stücke auf den 1,94-m-Hünen, dass dieser in der Not wohl doch als Kandidat zur Verfügung stehen würde. 52 Prozent der Deutschen halten den CSU-Politiker für einen guten Kanzlerkandidaten, gar 73 Prozent der Unionsanhänger.

CDU-Parteitag wurde verschoben

Vielleicht muss Söder ja wirklich einspringen. In der CDU herrscht gerade etwas Unruhe. In der Regel hält der CDU-Parteivorsitzende die besten Karten in der Hand, um Kanzlerkandidat der Union zu werden. Doch die Klärung der Frage, wer aus dem Trio Friedrich Merz, Armin Laschet und Norbert Röttgen die CDU künftig führen wird, ist wegen Corona vorerst aufgeschoben, der für Dezember angesetzte Parteitag wurde verschoben. Der ehemalige Fraktionschef Friedrich Merz, Liebling der Konservativen in der CDU, wittert einen Komplott des Parteivorstandes gegen seine Person. Merz glaubt, dass der Parteivorstand den in Umfragen hinter ihm liegenden nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet für den Posten präferiert. Durch die Verschiebung soll Laschet Zeit gewinnen, den Rückstand gegen Merz wettzumachen. «Es gibt beachtliche Teile des Partei-Establishments, die verhindern wollen, dass ich Parteivorsitzender werde», raunte der Sauerländer.

Söder kann dem Treiben bei der Schwesterpartei relativ gelassen zuschauen. Die Bewältigung der Corona-Pandemie ist aktuell gerade wichtiger. Doch die Union sollte sich nicht zu lange Zeit lassen, die Frage nach dem Parteichef und dem Kanzlerkandidaten zu klären. Die SPD hat sich in der K-Frage längst positioniert. Die Genossen kämpfen im nächsten Jahr mit Finanzminister Olaf Scholz um das Kanzleramt.

«Die eigentliche Bewährungsprobe», sagte Söder gestern im Landtag, «kommt erst jetzt». Das gilt für die Corona-Politik. Und womöglich auch für Markus Söder selbst.

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