Entvölkerung

Der Balkan stimmt mit den Füssen ab – und entleert sich immer mehr

Nirgends schrumpft die Bevölkerung so stark wie in Südost- und Mitteleuropa. Mit ein Grund: die Personenfreizügigkeit.

In Amerika, heisst es, stimmen die Bürger gerne mit den Füssen ab. Wenn es ihnen nicht passt in einem Staat, ziehen sie einfach in den nächsten. Dort sein Glück zu suchen, wo es einem am besten hold scheint, ist für viele der Inbegriff der amerikanischen Freiheit.

Auch in Europa kommt diese Freiheit immer stärker zur Geltung. Die Einführung der Personenfreizügigkeit und der Aufbau des gemeinsamen Binnenmarktes haben dazu geführt, dass die Zahl mobiler EU-Bürger in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen ist. Die Abstimmung mit den Füssen zeigt dabei ein deutliches Resultat: Die Bewegung geht von Süden nach Norden und von Osten nach Westen. In manchen Regionen in Südost- und Mitteleuropa kommt es gar zu einer eigentlichen «Entvölkerung».

Kroatien verliert jährlich 16'000 Einwohner

Es war der kroatische Premierminister Andrej Plenkovic, der jüngst Alarm schlug. Jedes Jahr verliere er «das Äquivalent einer Kleinstadt» von 16'000 Einwohnern. Bei einem Land von der Grösse Kroatiens eine wesentliche Zahl. Tatsächlich befindet sich die Bevölkerungszahl mit 4,07 Millionen im Staat an der Adria-Küste auf dem tiefsten Stand seit 1957. Allein in den ersten drei Jahren seit dem EU-Beitritt 2013 haben über fünf Prozent der Kroaten und Kroatinnen ihre Heimat Richtung Westeuropa verlassen. 15,4 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung lebt heute im EU-Ausland. Es ist der zweithöchste Wert in der EU, der nur noch von Rumänien mit 21,3 Prozent getoppt wird.

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Im Rahmen der rotierenden EU-Ratspräsidentschaft, die Zagreb Anfang Jahr übernommen hat, will Kroatien den Bevölkerungsschwund zuoberst auf die Prioritätenliste setzen.

Das Problem ist für Kroatien auch deshalb dringend, weil sich die Auswanderung mit einer tiefen Geburtenrate zusätzlich akzentuiert: Nur 1,44 Kinder bringen die Kroatinnen durchschnittlich zur Welt. Der EU-Schnitt liegt bei 1,59 Kindern pro Frau. Dazu kommt, dass die abwandernde Bevölkerung nicht durch Migration aus anderen Staaten kompensiert wird, wie das in Polen durch den Zuzug von ukrainischen Arbeitskräften zumindest teilweise der Fall ist. Im Gegenteil: Kroatien verfolgt in der Migrationspolitik eine eher restriktive Linie.

Doch Kroatien ist mit seiner schrumpfenden Bevölkerung längst nicht allein: Insgesamt zehn europäische Nationen verzeichneten im Jahr 2018 sinkende Zahlen. Dazu gehören Lettland, Bulgarien, Rumänien sowie auch Litauen, die als typische Auswanderungsländer gelten. Wenn es so weitergeht, könnte Bulgarien bis 2050 mehr als einen Drittel seiner Bevölkerung verlieren. Bei Rumänien sieht es ähnlich aus.

Für Zsolt Darvas, Wirtschaftswissenschafter vom Brüsseler «Bruegel Institute», ist klar, dass die Personenfreizügigkeit bei einigen der Herkunftsländer zu gravierenden Problemen führt. Zentral ist der «Brain Drain», der Abfluss von gut und vor allem teuer ausgebildeten Arbeitskräften. Auf der anderen Seite stünden die «starken individuellen Vorteile» der Personen, die in einem anderen EU-Land ihre Chancen wahrnehmen können. In einem integrierten Wirtschaftsraum kann die Freizügigkeit zudem als Ventil in Krisenzeiten dienen: Bis zum Jahr 2017 verliessen wegen der Finanzkrise knapp eine halbe Million Griechen ihr Heimatland, viele in Richtung in Deutschland.

Der kroatische Premier Plenkovic geht denn auch nicht so weit, die Personenfreizügigkeit als solche in Frage zu stellen. «Sie ist eine der Grundlagen der EU, welche grosse Möglichkeiten für unsere Bürger schafft», so Plenkovic vor Journalisten. Nur: Er fordert, dass der Prozess auch umkehrbar sein soll. Das heisst, irgendwann sollten die Auswanderer wieder zurückkehren.

Mehr Geld, aber das allein genügt nicht

Damit sich eine Rückkehr lohnt (oder eine Auswanderung gar nie stattfindet), müsste in den Herkunftsländern aber die wirtschaftlichen Bedingungen verbessert und das Gefälle zum Westen verringert werden. Plenkovic: «Wir müssen aufholen.» Übersetzt man das in die Europapolitik, kommt die Rede schnell auf die milliardenschweren Struktur- und Kohäsionshilfen. Plenkovic wehrt sich folglich auch dagegen, dass es bei den gegenwärtigen Verhandlungen über das mehrjährige EU-Budget zu Kürzungen bei den Kohäsionsgeldern kommt. Der Bevölkerungsschwund dient ihm als griffiges Argument.

Dass es mit mehr Geld aber nicht gemacht ist, zeigen Umfragen unter kroatischen Auswanderern. Demnach sind wirtschaftliche Motive wie höhere Löhne nur einer der Auswanderungsgründe. Ebenso treiben Unzufriedenheit mit der politischen Klasse und Vetternwirtschaft die jungen Leute ausser Land. Ähnlich äussert sich Wirtschaftswissenschafter Zolt Darvas: «Um Auswanderung entgegenzuwirken, müssten die Ursprungsländer die Qualität der öffentlichen Dienstleistungen verbessern.» Neben dem Ausbildungs- und Gesundheitssystem kann man darunter auch die Zuverlässigkeit des Rechtsstaates verstehen. Der bulgarische Politologe Ivan Krastev formulierte es einmal so: «Es ist einfacher, nach Deutschland zu gehen, als dafür zu sorgen, dass Bulgarien wie Deutschland wird.»

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