Mit der Wirtschaftskrise und dem Anstieg der Gewalt ist in Brasilien der Ruf nach einem starken Mann laut geworden. Die Personalisierung und der Wunsch nach einem Messias sind hier überhaupt sehr gross, sei es im Fussball oder in der Politik. So ist denn auch das Programm des Kongressabgeordneten Jair Bolsonaro, der mit zweitem Namen tatsächlich Messias heisst, einzig er selbst.

Aufsehen erregte Bolsonaro, als er bei dem Amtsenthebungsverfahren gegen die damalige Präsidentin Dilma Rousseff im Jahr 2016 seine Stimme einem Folterer aus der Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 widmete. Wenn es nach Bolsonaro ginge, dann bekämen Nichtregierungsorganisationen kein Geld mehr und jeder eine Waffe. Zu seinen Markenzeichen zählen Homophobie, Rassismus und Frauenfeindlichkeit; bei einer Debatte im Parlament beleidigte Bolsonaro eine Abgeordnete damit, dass sie zu hässlich sei, um vergewaltigt zu werden.

Die Gesellschaft ist nicht nur sehr weit nach rechts gerückt. In Brasilien ist es salonfähig geworden, Dinge zu sagen, die zuvor unvorstellbar waren.

Ein halbes Dutzend Parteiwechsel

Abgesehen davon, braucht auch ein Messias eine Partei. Jair Bolsonaro hat sich nun dem «Partido Social Liberal» (PSL) angeschlossen. Das gaben Bolsonaro und der PSL-Vorsitzende Luciano Bivar in einem Communiqué am vergangenen Freitag bekannt. «Mit grossem Stolz empfängt der PSL den Abgeordneten Jair Bolsonaro und seine Pré-Kandidatur für die Präsidentschaft der Republik», heisst es darin. Dabei hat Bolsonaro erst im vergangenen Jahr noch fast alles dazu getan, um für den «Partido Ecológio» (PEN) anzutreten, der sich mit seiner Präsidentschaftskandidatur wiederum in «Patriota» umbenannt hätte. Aber eine Meinungsverschiedenheit, ein Machtkampf mit dem «Patriota»-Vorsitzenden Adilson Barroso verhinderte dies.

Das Beispiel Bolsonaro zeigt ausser Brasiliens Rechtsruck auch die Flexibilität der brasilianischen Politik, die für schweizerische Verhältnisse bisweilen schwer vorstellbar und unverständlich ist, auch weil Bolsonaro, der seit 1988 für den Bundesstaat Rio de Janeiro im Kongress in Brasília sitzt, zuvor schon ein halbes dutzend Mal die Partei gewechselt hat.

Parteien wiederum entstehen und verschwinden in Brasilien oder benennen sich eben mal um, und teilweise ist etwas anderes drin, als draufsteht. Auf der anderen Seite hat Luciano Bivar, Vorsitzender des «Partido Social Liberal», auch schon die Grünen-Politikerin Marina Silva unterstützt, die bei den Wahlen 2010 und 2014 jeweils auf dem dritten Platz landete. Pragmatismus ist in der brasilianischen Politik fast alles, Ideologie nur zweitrangig. Bis April haben die Kandidatinnen und Kandidaten in Brasilien nun Zeit, um sich einer Partei anzuschliessen. Bis Herbst, wenn die Wahlen anstehen, dürfte «noch viel Wasser den Fluss hinunterfliessen», wie man auf Portugiesisch sagt.

Kandidatur von «Lula» unsicher

Der ultrakonservative, manche sagen auch faschistische, Abgeordnete Bolsonaro liegt in den Umfragen im Moment hinter dem ehemaligen sozialistischen Präsidenten Luiz Inácio «Lula» da Silva vom «Partido dos Trabalhadores» (PT). «Lula» war in erster Instanz im Juli vergangenen Jahres wegen passiver Korruption zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Am 24. Januar steht die zweite Runde in dem Verfahren an. Das Urteil könnte auch über eine Präsidentschaftskandidatur «Lulas» entscheiden.