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Der Attentäter von Newtown lebte zurückgezogen ohne Freunde

Einwohner von Newtown erinnern am Ort des Massakers an die Opfer des Amoklaufs, dem 20 Primarschülerinnen und -schüler zum Opfer fielen.

Einwohner von Newtown erinnern am Ort des Massakers an die Opfer des Amoklaufs, dem 20 Primarschülerinnen und -schüler zum Opfer fielen.

Adam Lanza war extrem scheu, hochintelligent, spindeldürr und voller Probleme. Weshalb der 20-Jährige am Freitag in die Sandy-Hook-Primarschule einbrach und 20 Erstklässler erschoss, ist weiterhin unklar.

Sie war ein wunderbares Kind. Ihr Vater sagte: «Sie war kreativ. Sie lachte ständig.» Doch nun ist Emilie Parker tot. Die Sechsjährige wurde am Freitag in der Primarschule Sandy Hook in der Provinzstadt Newtown (Connecticut) ermordet, zusammen mit elf gleichaltrigen Mädchen und acht Knaben. Beim Amoklauf des 20-jährigen Adam Lanza starben auch sechs Lehrerinnen sowie dessen Mutter Nancy, die der Täter im gemeinsamen Wohnhaus mit einem Kopfschuss tötete.

Als einer der ersten Hinterbliebenen der Opfer dieses Massakers sprach der 30-jährige Robbie Parker, Vater der kleinen Emilie und ihrer zwei jüngeren Geschwister. Parker kämpfte erfolglos gegen Tränen, als er vor laufender Kamera sagte: «Meine Tochter wäre eine der Ersten gewesen, die den Opfern mit Liebe und Unterstützung beigestanden hätte. Denn so ist sie. Sie sagt immer etwas Nettes über jede Person.» Parker handelte deshalb in ihrem Geiste, als er den Angehörigen des Massenmörders, der sich nach vollbrachter Tat selbst gerichtet hatte, sein Beileid aussprach. Er könne sich nicht vorstellen, «wie schlimm diese Erfahrung für Sie sein muss».

Motiv des Amokschützen bleibt unklar

Aus dem familiären Umfeld von Lanza meldeten sich am Wochenende mehrere Personen zu Wort – darunter sein leiblicher Vater. Peter Lanza wurde 2008 oder 2009 nach fast drei Jahrzehnten Ehe von Nancy Lanza geschieden. In der knappen Stellungnahme sprach Lanza, der in unregelmässigem Kontakt mit Sohn Adam stand, den Angehörigen der ermordeten Kinder und Lehrerinnen sein tiefstes Beileid aus. «Keine Worte können ausdrücken, wie unglücklich wir sind.»

Aus New Hampshire meldete sich der Bruder von Nancy Lanza mit einer ähnlich klingenden Stellungnahme. «Die ganze Familie ist traumatisiert durch diesen Vorfall; sehr traurig, sehr traurig», sagte ein Arbeitskollege von Adam Lanzas Onkel. Allerdings stand auch dieses Familienmitglied nur noch in losem Kontakt mit seinen Verwandten in Connecticut. Adam Lanza habe er letztmals vor rund acht Jahren gesehen, liess er ausrichten.

Unklar bleibt deshalb vorderhand das Motiv des Amokläufers. Die Ermittlungsbehörden gaben zwar bekannt, dass sie an den beiden Tatorten umfangreiche Beweismittel gefunden hätten, dank denen hoffentlich schon bald «ein vollständiges Bild» gezeichnet werden könne. Bis jetzt scheinen aber nicht einmal die Konturen dieses Bildes sichtbar. «Ich kann keine Details verraten», sagte ein Sprecher der Polizei von Connecticut. Deshalb jagten sich auch am Sonntag die Gerüchte, angefeuert durch Aussagen früherer Schulkollegen des Attentäters, Nachbarn oder losen Bekannten.

Fest steht, dass der 20-Jährige ein zurückgezogenes Leben geführt hatte, ohne echte Freunde. Er wurde wechselweise als «extrem scheu» und «hochintelligent» beschrieben, ein «problembelastetes Individuum», ein «kranker Kerl», spindeldürr und mit auffälligem Haarschnitt, der sich an der Oberschule von Newtown immer an seine Ledermappe gekrallt habe. Andere Quellen diagnostizierten gar tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Die Grundlagen für diese Ferndiagnosen sind aber fragwürdig: nicht jeder Einzelgänger, der den Grossteil seiner Freizeit vor dem Computer verbringt, ist in seinem Sozialverhalten behindert.

Attentäter hatte keine Vorstrafen

Tatsache ist, dass Adam Lanza keine Vorstrafen hatte, und bis zu seinem Amoklauf keiner Behörde negativ aufgefallen war. Gerüchte, er habe sich in der letzten Woche erfolglos eine Waffe beschaffen wollen, wurden am Sonntag von der zuständigen Bundesstelle ATF (Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives) zurückgewiesen. Stattdessen bediente sich der Amokläufer am Waffenschrank seiner Mutter, einer überzeugten Sammlerin mit allen notwendigen Bewilligungen. Gerätselt wird ebenfalls, warum Lanza sich ausgerechnet gewaltsam Zugang zur Primarschule im Stadtviertel Sandy Hook verschaffte und dort geradezu methodisch ein Blutbad anrichtete; erste Meldungen, wonach die 52-jährige Nancy Lanza dort als Hilfslehrerin angestellt gewesen sei, wurden vom zuständigen Schulbezirk zurückgewiesen.

Präsident Barack Obama machte sich am Sonntag an den Schauplatz des Amoklaufs auf. Am späteren Nachmittag wollte er in Newtown eintreffen, um sich in einer Mittelschule mit Angehörigen zu treffen. Am Abend wollte er an einem Trauergottesdienst sprechen.

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