John Bolton

Der Architekt des Irakkriegs sagt im Interview: «Trumps zweite Amtszeit wird deutlich unberechenbarer»

John Bolton sagt: «Die Stimmung im Weissen Haus war wie in einem Studentenwohnheim.»

John Bolton sagt: «Die Stimmung im Weissen Haus war wie in einem Studentenwohnheim.»

John Bolton, 71, hat US-Präsident Donald Trump einst als Nationaler Sicherheitsberater gedient. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über Trumps Wiederwahlchancen, seinen allzu lockeren Arbeitsalltag und die unveröffentlichten Liebesbriefe von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un.

Am Rande der Proteste gegen Polizeigewalt ist es in Amerika vergangene Woche gleich zweimal zu tödlichen Schiessereien gekommen. Während der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden die Gewalt scharf verurteilt, teilt US-Präsident Donald Trump auf Twitter Videos, die zeigen, wie Trump-Fans von Pick-Up-Trucks aus mit Paintball-Gewehren auf Demonstranten schiessen.

John Bolton, 71, hat Donald Trump 2018 und 2019 als Nationaler Sicherheitsberater gedient und gehörte zum innersten Machtkreis im Weissen Haus. Im Interview mit unserer Redaktion sagt er: «Wenn Trump wiedergewählt wird, kann das für die Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten sehr gefährlich werden.»

Herr Bolton, Amerika steckt derzeit in einer tiefen Krise, das zeigt der jüngste Aufruhr in mehreren Städten. Hat Donald Trump überhaupt noch eine Chance, die US-Wahlen im November zu gewinnen?

John Bolton: Ja, er kann definitiv immer noch gewinnen, auch wenn er in den Umfragen derzeit zurückliegt. Die aktuellen Proteste in Portland und einigen anderen Städten sind für die meisten Amerikaner verstörend. Ähnliche Protestbewegungen haben Richard Nixon 1968 zum Sieg verholfen. Schon Nixon setzte – wie jetzt Trump – auf das Versprechen, wieder «Ruhe und Ordnung» («law and order») herzustellen.

Was erwartet die Welt und Amerika, falls Trump die Wahl im November gewinnt?

Es gibt eine Sache, über die ich mir wirklich Sorgen mache: Viele seiner Entscheidungen werden derzeit noch durch innenpolitische Überlegungen motiviert. Er will Kritik vonseiten der Republikaner im Kongress verhindern. Wenn er jetzt aber wiedergewählt wird, braucht er die politische Unterstützung der Republikaner nicht mehr. Es ist schwer zu sagen, was er dann tun wird. Klar ist: Es kann für die Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten sehr gefährlich werden. Trumps zweite Amtszeit wird deutlich unberechenbarer sein als die erste.

Noch unberechenbarer?

Ja. Trump nimmt die aktuellen Bedrohungen nicht wahr. Beispiel China: Trump wird bis im November aus wahltaktischen Gründen einen harten Kurs gegenüber China fahren. Doch schon einen Tag nach seiner möglichen Wiederwahl wird Trump auf Chinas Präsident Xi Jinping zugehen und sagen: Lass uns ein grosses Handelsabkommen abschliessen. Und das, obwohl die Chinesen die Fakten über den Ausbruch des Coronavirus vertuscht und damit den Rest der Welt in Mitleidenschaft gezogen haben.

Bei seinem Besuch in Washington traf Bundesrat Ueli Maurer 2019 auf US-Präsident Donald Trump und seinen damaligen Nationalen Sicherheitsberater John Bolton.

Bei seinem Besuch in Washington traf Bundesrat Ueli Maurer 2019 auf US-Präsident Donald Trump und seinen damaligen Nationalen Sicherheitsberater John Bolton.

Coronapandemie, Polizeigewalt, Rassismus-Proteste: Welches ist denn Amerikas grösstes Problem derzeit?

Die wirtschaftliche Entwicklung ist die grösste Krise. Schon im Januar haben unsere Behörden auf die Gefahr des Virus hingewiesen. Doch Trump wollte keine Kritik an Xi Jinping hören, weil die Chinesen ja die landwirtschaftlichen Produkte aus den USA kaufen sollten, wie sie es versprochen hatten. Am wenigsten wollte er hören, dass das Virus die Vereinigten Staaten infizieren und unsere Wirtschaft so stark schwächen könnte, dass es sogar seine Chancen auf die Wiederwahl gefährden würde. Dieses Leugnen hat uns zweieinhalb Monate gekostet, in denen er eine Strategie hätte entwickeln müssen, um den Schaden durch das Virus gering zu halten. Eine Strategie hat er noch immer keine.

Einige Demokraten befürchten, dass Trump im Falle einer Wahlniederlage das Weisse Haus nicht verlassen will. Ist das realistisch?

Das glaube ich schlicht nicht.

Als Sie im April 2018 Ihre Stelle in Trumps Weissem Haus antraten, was war da Ihr erster Eindruck des Präsidenten?

Ich habe unter vier Präsidenten gearbeitet. Unter den beiden Bushs, Reagan und auch unter Nixon war man sehr diszipliniert und sehr aktiv. Das Weisse Haus unter Trump gleicht jedoch einem Studentenwohnheim. Alle hängen nur herum, reden miteinander, ohne klare Zielsetzungen. So funktioniert das bei Donald Trump. Er kommt jeden Morgen um 11 Uhr ins Office, schaut sich um und fragt: «Was ist heute los?»

Trump selber hat sich als stabiles Genie bezeichnet. Wie genial ist er?

Wenn sich jemand selbst als stabiles Genie bezeichnet, ist das bereits Teil des Problems. Trump ist äusserst sprunghaft, er denkt weder in strategischen noch in politischen Kategorien. Wenn er am Morgen eine Entscheidung getroffen hatte, konnte er am Nachmittag schon wieder seine Meinung ändern. Das machte es extrem schwierig, eine nachhaltige Politik verfolgen zu können. Trump ist nicht kompetent genug für das Amt. Er schert sich nicht darum, dazuzulernen. Er hört nicht zu. Viele seiner Entscheidungen trifft er als uninformierter Mann.

Machte er einen verwirrten Eindruck auf Sie?

Ich glaube nicht, dass er verwirrt ist. Er ist aber komplett darauf fokussiert, im November wiedergewählt zu werden. Die Leute reden immer über seine geringe Aufmerksamkeitsspanne, aber in Bezug auf seine Wiederwahl ist sie unendlich gross.

John Bolton hat angekündigt, Trump nicht wiederzuwählen. Joe Biden will er seine Stimme aber auch nicht geben.

John Bolton hat angekündigt, Trump nicht wiederzuwählen. Joe Biden will er seine Stimme aber auch nicht geben.

Sie kannten Trump schon vor Ihrem Amtsantritt. Warum haben Sie den Job als Nationaler Sicherheitsberater denn angenommen?

Als er mir das Angebot zu einer Zusammenarbeit machte, schien unsere gemeinsame Auffassung breit genug zu sein. Ich hatte zudem die Hoffnung, dass das Amt des Präsidenten eine Wirkung auf ihn haben würde. In meinem Buch «Das Zimmer, in dem es geschah» erzähle ich ja davon, dass das absolut nicht funktioniert hat.

Wann haben Sie realisiert, dass Sie nicht länger mit ihm zusammenarbeiten können?

Als die Iraner im Juni 2019 eine amerikanische Aufklärungsdrohne abschossen. Wir präsentierten dem Präsidenten alle Optionen und bereiteten alles für seine Entscheidungen vor. Wir taten exakt das, was erforderlich war. Aber an diesem Nachmittag, zehn Minuten bevor die Airforce für den Angriff auf iranische Militärziele starten sollte, ging irgendjemand in das Oval Office und Trump änderte seine Meinung urplötzlich und blies den Gegenangriff ab. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass jede Bemühung im Chaos untergeht.

Warum hat der Präsident so wenig Interesse daran, mit Amerikas langjährigen Partnern zu kooperieren?

Er betrachtet die Partnerschaften unter rein ökonomischen Aspekten und fragt sich, wie gross das Handelsungleichgewicht ist. Das ist für ihn das bedeutendste Problem. Das hat dann zur Folge, dass er etwa Strafzölle auf Autos aus der EU verhängen will. Diese Form der Aussenpolitik macht es schwierig, bei wichtigen Themen mit der EU zusammenzuarbeiten, wie zum Beispiel dem chinesischen Handelsproblem. Dass China das geistige Eigentum von Amerika und Europa stiehlt, ist das grösste Problem seit Langem. Amerika und Europa sollten hier zusammenarbeiten. Aber wir tun es nicht.

Steht der Westen vor einem neuen Kalten Krieg mit China?

Ein kalter Krieg ist die falsche Bezeichnung, das hier ist etwas ganz anderes. Für die USA und den gesamten Westen ist Chinas Gehabe eine existenzielle Bedrohung. Das gilt auch für viele asiatische Länder, wie etwa die Zusammenstösse an der indisch-chinesischen Grenze gezeigt haben.

Wird Amerika aus der Nato austreten, wenn Trump wiedergewählt wird?

Das ist durchaus möglich. Nach seiner Wiederwahl könnte er noch mehr geneigt sein, die Nato zu verlassen. Der Abzug der Soldaten aus Deutschland hat das deutlich gemacht. Trump hat seine Ablehnung gegenüber der Nato nicht verloren.

Historisch: US-Präsident Donald Trump überschritt im Juni 2019 gemeinsam mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un die innerkoreanische Grenze.

Historisch: US-Präsident Donald Trump überschritt im Juni 2019 gemeinsam mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un die innerkoreanische Grenze.

Zu autoritären Führern wie Nordkoreas Kim Jong-un oder Russlands Wladimir Putin hat Trump hingegen einen guten Draht. Warum?

Ich kann mir das nicht richtig erklären. Er sieht, dass sie tun können, was sie wollen. Er hingegen kann nicht all das tun, was er will.

Sie waren immer ein Hardliner in Bezug auf Nordkorea. Als Trump Kim Jong-un im Sommer 2019 unbedingt treffen wollte, was haben Sie da gedacht?

Ich befürchtete, dass er Zugeständnisse machen könnte, die sehr schlecht für die Vereinigten Staaten sein würden. Jetzt zeigt sich: Wir haben viel wichtige Zeit verloren, in der Nordkorea sein Programm zur Entwicklung ballistischer Atomwaffentechnik fortsetzen konnte. Wir haben Geschenke gemacht und nichts dafür bekommen.

In Ihrem Buch «Der Raum, in dem alles geschah» erwähnen Sie die Liebesbriefe, die Kim Jong-un an Trump schrieb. Glaubt Trump wirklich, der Diktator liebe ihn?

Ich denke, dass Trump von den Briefen sehr beeindruckt ist. Ich glaube nicht, dass er sie durchschaut. Die Briefe sind voller Lob für ihn, stammen aber aus der Feder von einigen kommunistischen Propagandaschreibern. Es ist lustig, sie zu lesen. Trump nimmt sie sehr ernst. Eines Tages werden sie publiziert werden. Wenn Sie sie lesen, werden Sie einiges zu lachen haben.

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