Parallelen

Der «arabische Frühling»: Rebellion oder Revolution?

Rebellion oder Revolution?

Rebellion oder Revolution?

Statt Parallelen zu 1989 oder 1789 drängen sich eher solche zu Europa und seinem 19. Jahrhundert auf. Die Unzufriedenheit war auch vor der Französischen Revolution der Motor für die Rebellion.

Geschichte ist langweilig, wenn sie nur von der Vergangenheit handelt. Geschichte ist faszinierend, wenn sie mit der Aktualität verbunden wird. Das Ergebnis solcher Paarung mag immer noch offen sein. Aber die interessanten Fragen lassen sich jetzt stellen: Wiederholt sich Geschichte? Gibt es Entwicklung, einen Plan? Kann man etwas aus ihr lernen?

Wie auch immer die Verhältnisse liegen, entscheidend ist sicher der Abstand, den man zu den Geschehnissen einnimmt. Aus weit entfernter Warte ergibt sich ein abstraktes Bild, das einlädt zum Ziehen von Parallelen.

Ist man näher dran, definieren die Details die Verschiedenheit. Man kann deshalb wahrscheinlich immer mit Recht sagen, dass die arabische Welt jetzt «ihr 1989» erlebt. Aber warum nicht «ihr 1917»? Oder gar «ihr 1789»? Immerhin machen solche Parallelen darauf aufmerksam, wie wir unser Fernrohr einstellen und worauf wir es richten sollen. «Revolution» ist der Schlüsselbegriff, der manches erhellen kann. Wobei der Begriff auch schon manches verdeckt.

Untrennbar mit Freiheit verknüpft

Es empfiehlt sich zu unterscheiden zwischen «Revolution» und «Revolutionen». Beispiele für den Singular sind die Amerikanische Revolution von 1783 und die Französische Revolution von 1789. Sie sind einzigartig, weil sie geschichtsphilosophisch «aufgeladen» wahrgenommen werden. Sie gelten als Epochenschwellen, danach ist nichts mehr, wie es vorher war. In der Erinnerung wurden sie stilisiert: Sie dienten der Verfolgung allgemeiner Ziele der Menschheit, in unserer Wahrnehmung deshalb untrennbar mit «Freiheit» verknüpft. Meilensteine auf dem «Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit» – im Grunde sind wir Westler alle unheilbare Hegelianer.

Nicht direkt geschichtsphilosophisch motiviert, sondern auf «irdische» – oder wie die Philosophen des Idealismus sagen würden: «natürliche» – Ursachen zurückzuführen, sind die Revolutionen im Plural. Man redet dann auch nicht von «der» Revolution, sondern von revolutionären Zeiten, Zeiten des Umbruchs. Wenn das zutrifft, gleicht das, was jetzt in den arabischen Ländern abgeht, eher dem, was Europa während der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts erlebte.

Damals gab es in Europa den so genannten «demografischen Übergang», steigende Geburtenraten bei gleichzeitigem Rückgang der Sterblichkeit. Gleichzeitig gingen aufgrund von Rationalisierungen viele Arbeitsplätze in der Landwirtschaft verloren und schuf bessere Bildung eigentlich bessere Startchancen für eine überproportional grosse junge Generation. Es gab aber nicht für alle gute Positionen. Und demzufolge viel gesellschaftliche Unruhe.

Ein rebellisches Jahrhundert

«Das 19.Jahrhundert war in Europa weniger ein Zeitalter der Revolutionen als ein rebellisches Jahrhundert, eine Epoche verbreiteten, aber selten auf der Bühne nationaler Politik gebündelten Protests», schreibt der Historiker Jürgen Osterhammel in seinem Monumentalwerk «Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19.Jahrhunderts». Natürlich sind die Begriffe unscharf, die Kriterien oft fragwürdig.

Aber in der Tendenz wird die Differenz schon klar. «Sire! (...) Geben Sie Gedankenfreiheit», lässt Schiller den Marquis Posa in seinem «Don Carlos» 1787 noch sagen. «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!», schreiben Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig 1834 im «Hessischen Landboten». Es geht nicht mehr um die Verwirklichung von Menschheitsidealen, sondern gegen die Unterdrückung und die Zerstörung von Lebenschancen. Das grosse Versprechen der Menschheitsrevolution wurde nicht eingelöst, aber die Energie ist noch da. Sie äussert sich in Frust und Rebellion.

Die Revolutionen des 19.Jahrhunderts könnte man leicht missverstehen als missglückte «grosse» Revolutionen. Das sind sie aber nur insofern, als man ihnen bleibende Wirkung abspricht. Sie sind nicht versandet, der «Misserfolg» ist auch Folge einer intelligenteren Politik ihrer Gegenmächte. England hatte aus dem amerikanischen Desaster gelernt. Auf der Insel und später auch in Bismarcks Deutschland war den Mächtigen klar, dass sie sich dem Lauf der Zeit nicht frontal in den Weg stellen konnten, sondern eine Politik des elastischen Zurückweichens mit klug dosierten und zum rechten Zeitpunkt gewährten politischen Konzessionen verfolgen mussten.

Die englische und die französische Staatsmacht Ende des 18.Jahrhunderts waren hoffnungslos delegitimiert und leichte Opfer der Revolution. Oder ist das bereits ein geschichtsphilosophisch unterwandertes Argument?

Tyrannenherrschaft statt Demokratie

Zurück zur arabischen Welt. Das grosse Versprechen der Entkolonialisierung ist nicht eingelöst. Statt Demokratie und individuelle Entfaltung wie im Westen gabs Tyrannen- oder Oligarchenherrschaft und gelenkte Modernisierung. Aber jetzt ist die Angst weg. Facebook und Twitter seis gedankt.

Spontaneität ist wichtiger als Organisation. Unzufriedenheit der Motor. Die Hoffnung ist, wie sich ein ägyptischer Beobachter ausdrückt, dass «aus Chaos eine zivile Ordnung» entsteht. Die gesellschaftlichen Umwälzungen in den arabischen Ländern sind mindestens so tief und umfassend wie im Europa des 19.Jahrhunderts. Politisch ist der Nachholbedarf mindestens so gross wie in Europa vor 1847/48.

Und die Religion? Man fürchtet sich vor dem islamischen Fanatismus. In Europa stand der Katholizismus vordergründig auf der Seite des Bestehenden. Und post festum feiert man das 19.Jahrhundert als eine Zeit der Säkularisierung; als die Epoche, in der sich der bürgerliche Staat erst richtig bildete. Es gibt aber auch andere Zeichen: Der überwiegende Teil der Druckschriften damals waren Flugblätter religiösen Inhalts, von Erbauungsliteratur bis zu Aufrufen zur religiösen Umkehr.

Auch Europa im 19. Jahrhundert war religiös. Aber die Religion war keine politische Macht. Das ist immerhin tröstlich, auch wenn man befürchten muss, dass Arabien ein «langes Jahrhundert» drohen könnte, bis es eine politische Ordnung erhält, welche die Energie der Rebellion absorbieren kann.

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