Fast zwei Jahre nach dem Tod des Diktators Muammar Gaddafi soll in Libyen der Prozess gegen dessen zweitältesten Sohn Saif al-Islam Gaddafi eröffnet werden. Der libysche Justizminister bestätigte, dass der prominenteste Häftling des nordafrikanischen Landes morgen Donnerstag erstmals vor dem Richter erscheinen müsse. Im Anschluss an die Anhörung werde das Gericht entscheiden, ob es ausreichend Beweismaterial gebe, um das juristische Verfahren fortzusetzen.

Die Liste der Anklagepunkte gegen Saif al-Islam Gaddafi ist lang: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem Aufruf zu Vergewaltigung und Entführung sowie mehrfachen Mord während des Bürgerkriegs im Jahr 2011 vor. Gemeinsam mit dem Diktatorensohn müssen sich auch 21 Funktionäre des gestürzten Regimes vor dem Kadi verantworten, darunter der frühere Geheimdienstchef Abdullah Senussi. Dieser galt einst als «rechte Hand» Muammar Gaddafis. Bei einer Verurteilung droht allen Angeklagten die Todesstrafe.

Den Haag fordert Auslieferung

Begleitet wird der Prozessauftakt von zahlreichen Kontroversen. So streiten der Internationale Strafgerichtshof (ICC) und die libysche Regierung seit zwei Jahren über den Schauplatz des Prozesses. Libyen pocht auf ein Verfahren in Tripolis. Der ICC wirft Saif «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» vor und fordert dessen Auslieferung nach Den Haag. Als Begründung für einen solchen Schritt nannte der Gerichtshof Zweifel an der Unabhängigkeit der libyschen Justiz. Tripolis habe nicht glaubhaft belegen können, dass es eine «ernsthafte juristische Untersuchung» zu stemmen vermag, urteilt der ICC.

Nicht nur der ICC ringt um eine Auslieferung Saif al-Islam Gaddafis. Auch die Regierung in Tripolis selbst steht vor einem ähnlichen Problem: Denn noch wird der 41-jährige Angeklagte von einer Miliz aus der Stadt Sintan in den Nafusa-Bergen gefangen gehalten – eine Region, die unter der Gaddafi-Herrschaft besonders zu leiden hatte. Auch mit den neuen Machthabern in Tripolis stehen die Rebellen auf Kriegsfuss: Seit Monaten weigern sie sich beharrlich, Saif herauszurücken.

Schon einmal hat die Regierung bei einem Kräftemessen mit der Miliz aus Sintan klein beigeben müssen: Im vergangenen Mai wurde Saif al-Islam Gaddafi wegen angeblicher Beihilfe zur Spionage für eine Anwältin des ICC in Tripolis ein erstes Mal vernommen. Die Justiz sah sich gezwungen, die Anhörung im Gefängnis von Sintan durchzuführen. Saif erschien damals mit einem fehlenden Zahn und drei abgeschnittenen Fingern auf der Anklagebank. Menschenrechtler sahen darin Hinweise auf Folter. «Wie kann die libysche Regierung behaupten, dem Angeklagten einen fairen Prozess zu geben, wenn sie nicht einmal seine Sicherheit gewährleisten kann?», fragt Amnesty International in einem aktuellen Bericht.

Der «gute» und der «böse» Gaddafi

Saif al-Islam Gaddafi selbst hat sich seit seiner Festnahme nur einmal öffentlich zu Wort gemeldet. Bei seiner Vernehmung im Mai sagte er gegenüber Reporten, dass er bei guter Gesundheit sei.

Der zweitälteste Gaddafi-Spross galt lange als das weltoffene, fortschrittliche Gesicht Libyens. Immer wieder distanzierte sich das «Schwert des Islam», wie sein Name übersetzt heisst, von der despotischen Politik seines exzentrischen Vaters. Der studierte Ökonom forderte Reformen, trug zur Entspannung der Beziehungen Libyens zum Westen bei und führte erfolgreich Verhandlungen mit islamistischen Kämpfern im eigenen Land.

Nach den Massenprotesten gegen das Regime schlug sich Saif al-Islam allerdings ganz auf die Seite seines Vaters. «Flüsse voller Blut werden fliessen», drohte er den Demonstranten im Februar 2011 an. Neun Monate später wurde er auf der Flucht im Süden des Landes von Rebellen gefasst.