Erneut sind es Zehntausende. Und dieses Mal kommt es gar zu Ausschreitungen. Auch Wochen nachdem die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam ihr umstrittenes Gesetz zur Auslieferung Verdächtiger an China ausgesetzt hat, ist es am Montag in der südchinesischen Finanzmetropole erneut zu Massenprotesten gekommen. Zehntausende marschierten am Montagnachmittag durch das Hongkonger Finanz- und Regierungsviertel und forderten den Rücktritt der Regierungschefin. Am Abend gelang es mehreren hundert Demonstranten, das Gebäude des Legislativrats zu stürmen, Hongkongs Parlament. Einige von ihnen waren mit Eisenstangen bewaffnet. Sie rissen Bilder von den Wänden und besprühten die Wände mit Graffiti.

Dieses Mal fiel der Protest besonders heftig aus. Der Grund: Am Montag jährte sich zum 22. Mal die Übergabe Hongkongs an die kommunistische Volksrepublik. Mehr als 150 Jahre war die Metropole am Perlflussdelta britische Kronkolonie. Damals versprach die Führung in Peking den Hongkongern allerdings, dass sie für 50 Jahre eine Sonderverwaltungszone bleiben würden mit Rechten wie Meinungs-, Versammlungsfreiheit und einer unabhängigen Justiz. All das gilt im autoritär regierten China nicht. Viele Hongkonger sehen ihre Rechte aber bereits jetzt beschnitten.

Die Hongkonger Regierung begeht diesen Tag normalerweise mit einer öffentlichen Fahnenzeremonie im Freien. Doch dieses Mal verlegte sie den Festakt ins streng abgeriegelte Hongkonger Kongresszentrum. Offiziell begründete sie den Schritt mit schlechtem Wetter. In ihrer Rede anlässlich der Feierlichkeiten entschuldigte sich Lam für ihr Vorgehen, betonte aber, in guter Absicht gehandelt zu haben: «Ich werde meine Lektion lernen und sicherstellen, dass die zukünftige Arbeit der Regierung enger und besser auf die Bestrebungen, Gefühle und Meinungen der Gemeinschaft eingeht», sagte sie.

Weiter versprach Lam, sich um mehr Wohnraum zu kümmern und das Bildungs- und Gesundheitssystem zu stärken. Hongkong gehört inzwischen zu den teuersten Städten der Welt. Vor allem junge Leute können sich mit ihren Gehältern die hohen Mieten oft nicht leisten und müssen bei ihren Eltern leben. Auch deswegen gehen viele junge Leute auf die Strasse.

Bereits am Morgen hatten einige vermummte Protestierer versucht, sich gewaltsam Zugang zum Hongkonger Parlamentsgebäude zu verschaffen. Sie setzten einen Metallwagen ein, den sie wiederholt gegen eine Fensterfront rammten, bis sie zersprang. Die Polizei ging mit Schlagstöcken auf die Demonstranten los und setzte Pfefferspray ein. Andere Protestierer versuchten, die gewalttätigen Aktivisten zu stoppen. Nach offiziellen Angaben wurden bei dieser Aktion 25 Menschen verletzt.

Kundgebung für die Polizei

Seit Wochen erlebt die Stadt die grössten Proteste seit drei Jahrzehnten. Bis zu zwei Millionen Menschen gingen am 16. Juni auf die Strasse, um gegen die Regierungschefin Lam zu protestieren. Sie wollte ein Gesetzesvorhaben durchbringen, das Auslieferungen von mutmasslichen Straftätern an Festlandchina ermöglicht hätte. Nur der Verdacht hätte ausgereicht. Menschenrechts- und Demokratieaktivisten, kritische Anwälte und Journalisten, selbst Geschäftsleute müssten befürchten, an China ausgeliefert zu werden, wo die Justiz nicht unabhängig ist und teilweise mit Folter Geständnisse erzwungen werden. Anders als bei vergangenen Demokratie-Protesten kritisierte dieses Mal selbst Hongkongs mächtige Geschäftswelt das Vorgehen der Regierungschefin.

Das Auslieferungsgesetz hat Lam daraufhin zwar auf Eis gelegt. Die Proteste aber halten an. Viele Hongkonger trauen ihr nicht und fordern, dass das Gesetz offiziell zurückgenommen wird. Zudem fordern sie die Freilassung inhaftierter Mitglieder der Protestbewegung und eine Entschuldigung für das gewaltsame Vorgehen der Polizei bei den Protesten am 12. Juni. An diesem Tag gab es gar über 70 Verletzte.

Inzwischen mobilisiert aber auch die Gegenseite. Am Sonntag kam es zu einer Demonstration für die Polizei, an der nach Angaben der Organisatoren mehr als 100'000 Teilnehmer mitmarschierten. Sie werden dem Peking-freundlichen Lager zugerechnet, einige wedelten mit der Fahne der Volksrepublik. Hongkonger Journalisten berichten, es habe sich zum Teil um Zugereiste vom chinesischen Festland gehandelt. Zumindest hätten sie am Morgen einen verstärkten Grenzverkehr beobachtet. Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmer auf nur halb so viel.

Auch auf dieser Demonstration kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Einige der Teilnehmer versuchten, eine Mahnwache zu stören, auf der junge Leute einer 21-jährigen Studentin gedachten. Sie war am Tag zuvor von einem Wohnhaus tödlich gestürzt, als sie versuchte, ein regierungskritisches Banner anzubringen.