International

Dem Libanon steht eine «Revolution der Hungernden» bevor

Genug von den korrupten Politikern, genug vom Leben ohne Perspektiven: Libanesinnen in Beirut bringen ihren Frust auf der Strasse zum Ausdruck. (Bild: Keystone)

Genug von den korrupten Politikern, genug vom Leben ohne Perspektiven: Libanesinnen in Beirut bringen ihren Frust auf der Strasse zum Ausdruck. (Bild: Keystone)

Der Mittelmeerstaat versinkt im wirtschaftlichen Chaos. Noch hält die Armee die Menschenmassen in Schach. Doch das dürfte sich bald ändern.

Eigentlich verabscheue sie Gewalt, sagt Roula Natour. Die zierliche Libanesin verkauft auf dem Markt in Beirut Zimtguetzli, um ihr schmales Einkommen aufzubessern. «Doch Pazifismus», fügt die Hausfrau nachdenklich hinzu, «ist im Moment vielleicht der falsche Weg zur Bewältigung unserer Krise.» Was der Libanon jetzt bräuchte, wäre jemand, der richtig durchgreift: «Einer wie Mohammed bin Salman, der die Diebe zur Strecke bringt», sagt Natour. Der saudische Kronprinz hatte vor zweieinhalb Jahren die korrupte Elite seines Landes in ein Luxushotel eingesperrt und erst nach der Zahlung eines Milliarden- lösegeldes wieder freigelassen.

«Die Diebe», wie die Libanesen ihre Politiker nennen, haben ihre Vermögen längst ins Trockene gebracht. Jahrzehntelang hatte das Herrschaftskartell den Staat nach Feudalherrenart ausgeplündert und einen Schuldenberg von 92 Milliarden US-Dollar angehäuft. Das entspricht 170 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Damit hat der libanesische Staat eine der höchsten Staatsverschuldungen der Welt. Eine am Montag fällige Schuldenrückzahlung von 1,2 Milliarden US-Dollar konnte das Land nicht tätigen.

Den Libanesen wurde einfach der Lohn halbiert

Dem Eingeständnis der Zahlungsunfähigkeit voraus-gegangen war eine politische Bankrotterklärung. «Meine Regierung», untertrieb Ministerpräsident Hassan Diab mit bemerkenswerter Offenheit, «ist nicht mehr in der Lage, unserem Volk einen ordentlichen Lebensstandard zu sichern.» 40 Prozent der sechs Millionen Libanesen leben bereits unter der Armutsgrenze. 250000 Angestellte wurden im Libanon seit Oktober 2019 entlassen. Noch einmal so viele schuften für die Hälfte ihres einstigen Gehaltes.

Die Löhne werden in Lira ausgezahlt. Bis zum Sommer war die Landeswährung noch an den Dollar gekoppelt. Nach dem Zusammenbruch der Staats-finanzen in diesem Winter verlor die Lira mehr als 50 Prozent ihres Wertes. Die Preise stiegen entsprechend. Auf den Banken können Libanesen pro Woche wegen der herrschenden Devisenknappheit noch maximal 100 Dollar abheben. Ein Ende der Abwärtsspirale ist nicht in Sicht.

Dabei waren im Oktober des vergangenen Jahres noch Zehntausende Libanesen voller Optimismus auf die Strassen gegangen. Sie forderten ein Ende der Korruption sowie die Überwindung des politischen Sektierertums. Die Menschen skandierten den Slogan «Kullun iani kullun»: Ein Neuanfang sei nur dann möglich, wenn «alle, wirklich alle» Regierungs-vertreter abgelöst würden.

Mehr als zwei Monate hatte die multikonfessionelle Protest-bewegung das ganze Land lahmgelegt. Inzwischen scheint ihr die Luft ausgegangen zu sein. Die alte Elite ist weiterhin an der Macht. Es ist nicht verwunderlich, dass die Gewaltbereitschaft unter den Libanesen wächst.

«Was sollen wir tun, wenn die friedliche Botschaft unserer Revolution ignoriert wird?», fragt Marwan händeringend. Der Geschichts-Student war dabei, als im Februar die Bankfilialen in der Beiruter Einkaufsstrasse Hamra verwüstet wurden. Auch er wisse natürlich, dass Gewalt keine Lösung sei. «Unser Frust über die unerträgliche Arroganz der Herrschenden muss manchmal aber einfach raus.»

Der Tiefpunkt der Krise steht dem Land noch bevor

Die libanesische Armee hat es geschafft, die Gewaltexzesse in der Zedernrepublik bisher rechtzeitig einzudämmen. «Die Tiefpunkt der Krise ist aber noch nicht erreicht», befürchtet ein in Beirut akkreditierter EU-Diplomat. Da die Herrschenden den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen hätten, werde es «für die Bevölkerung noch härter kommen».

«Die nächste Revolution», glaubt Geschichtsstudent Marwan, «wird eine Revolution der Hungernden sein.» Wenn die Menschen nicht mehr genug zu essen hätten, könnten die Dämme endgültig brechen. Zur Verzweiflung im Libanon kommt in diesen Tagen noch das Corona-Virus, das sich rasch ausbreitet und zur Verschärfung der schweren Krise beiträgt.

Die Restaurants, die noch geöffnet sind, sollen geschlossen werden, Schulen den Lehrbetrieb einstellen. «Es ist das schlimmstmögliche Szenario», sagt Roula Natour, die Zimtguetzlibäckerin. «Irgendwie», hofft Roula, «werden wir auch diese Krise überstehen.» Sicher ist das nicht.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1