Frankreich

Deckte er pädophile Akte eines Priesters? Erzbischof von Lyon vor Gericht

Kardinal Philippe Barbarin.

Kardinal Philippe Barbarin.

Kardinal Barbarin, der höchste katholische Würdenträger Frankreichs, muss sich in Lyon gegen den Vorwurf verteidigen, er habe pädophile Akte eines Priesters gedeckt.

Über ein Jahrzehnt lang hatten Missbrauchsopfer auf diesen Moment hingearbeitet: Mit Baskenmütze und Lederjacke bekleidet, erschien Erzbischof Philippe Barbarin am Montag vor dem Strafgericht in Lyon. Ihm wird vorgeworfen, pädophile Akte durch einen Untergebenen vertuscht zu haben.

Der stark mediatisierte, zum Teil auch politisierte Rechtsstreit dreht sich um Verfehlungen eines Kaplans, der von 1986 bis 1991 junge Pfadfinder sexuell missbraucht haben soll. Die «Berührungen» des geständigen Priesters sind möglicherweise verjährt, und der Prozess richtet sich nicht gegen den Täter, sondern gegen seine Hierarchie, die den Fall vertuscht haben soll. Insbesondere Kardinal Barbarin soll die Aufklärung verschleppt und den pädophilen Geistlichen namens Bernard Preynat bis 2015 im Dienst und im Kontakt mit Jugendlichen belassen haben.

Das behaupten ein Dutzend Mitglieder der Pfandfindergruppe, die sich im Verein «la parole libérée» – wörtlich: «das befreite Wort» – zusammengeschlossen haben. Die Rechtslage ist umstritten. Die Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren gegen Barbarin 2016 zuerst eingestellt. Die neue Regierung von Präsident Emmanuel Macron verlängerte dann aber faktisch die Verjährung für die «Nichtmeldung» pädophiler Delikte. Der Opferverein reichte daraufhin eine neue Klage ein, die zur Anklage gegen Barbarin und fünf Untergebene führte.

Vereinsvorsteher François Devos erklärte, er wolle «nicht einen Prozess gegen einen Mann, sondern gegen ein System»: Anders als in Deutschland, Irland oder den USA seien die sexuellen Missbräuche durch Vertreter der katholischen Kirche in Frankreich bisher systematisch unter den Teppich gekehrt worden. Im Zuge der Barbarin-Affäre verlangte eine Reihe prominenter Politiker und Intellektueller bereits im vergangenen September die Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission zum Thema «Pädophilie in der Kirche». Barbarins Anwälte halten den Vorwürfen entgegen, der Prozess könne nicht einem abstrakten System gelten, sitze doch konkret ein Mensch auf der Anklagebank. Der Kardinal habe vor den Behörden nichts vertuscht und sich überdies entschuldigt, falls er zu lange zugewartet habe, den Gerüchten über den fehlbaren Priester nachzugehen.

Kultur des Schweigens

In einer zumindest ungeschickten Formulierung hatte Barbarin allerdings auch erklärt, die meisten Vorwürfe seien «Gott sei Dank» verjährt. Dieses Zitat liefert den Titel eines Spielfilms, der in wenigen Wochen in die französischen Kinos kommen wird und die «Affäre Barbarin» aufarbeitet.

Der ehrgeizige Kirchenmann gilt als brillanter Denker, dem die Zeitung «Le Parisien» «Papst-Fähigkeit» attestierte, nachdem er schon mit 51 Jahren Erzbischof von Lyon und damit höchster katholischer Würdenträger Frankreichs geworden ist. Aber er verkörpert auch für viele Franzosen die «Kultur des Schweigens», die in der katholischen Kirche seines Landes vorherrschte oder immer noch herrscht. Mehrere Meinungsumfragen und Petitionen verlangten schon den Rücktritt des Kardinals.

Papst Franziskus hat sich zwar 2016 hinter den «mutigen und kreativen Missionar» gestellt. In der Erzdiözese Lyon soll Barbarin aber nur noch beschränkt Rückhalt geniessen. Auch der frühere Premierminister Manuel Valls hatte ihn 2016 aufgefordert, die «Verantwortung zu übernehmen». Barbarins Anhänger machten darauf einen politischen Prozess aus: Der konservative, wenngleich nicht integristische Kardinal hatte sich gegen liberale Beschlüsse des ehemaligen sozialistischen Staatspräsidenten François Hollande wie etwa die Homo-Ehe ausgesprochen.

Auch wenn die Causa Barbarin eine breite gesellschaftspolitische Debatte anstösst, könnte sie zum Schluss in ein paradoxes Resultat münden – wenn der Kardinal wegen der unsicheren Rechtslage freigesprochen würde. Das wäre kein gutes Omen für den Prozess des «Systems», das heisst des systematischen Wegschauens. Bei einer letztinstanzlichen Verurteilung wäre Barbarins Karriere zweifellos zu Ende. Ihm drohen drei Jahre Gefängnis und eine Busse bis 45 000 Euro. Der Prozess dürfte am Mittwoch zu Ende gehen, das Urteil wird erst später erwartet.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1