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Emmanuel Macron kennt zweifellos die Maxime des Poeten René Char, den er in seinem Philosophiestudium kennenlernte: «Versuch dein Glück, pack deine Chance – während sie dir zuschauen, werden sie sich an dich gewöhnen.»

Noch sind die Franzosen allerdings ziemlich perplex. Sie kennen Macron erst seit 2014, als Präsident François Hollande ihn zu seinem Wirtschaftsminister ernannte. Erst Ende letzten Jahres erklärte der Newcomer seine Präsidentschaftskandidatur, ohne von einer Partei unterstützt zu werden. Seine gerade ein Jahr alte Bewegung «En Marche» zählt zwar über 200'000 Anhänger, doch die haben sich bloss per Mausklick eingetragen.

Das wirkt etwas virtuell und vage, ähnlich wie Macrons politischer Positionsbezug «weder links noch rechts», der so völlig mit dem Zwei-Lager-System der Fünften Republik bricht. Allein, die Franzosen legten schon im ersten Präsidentschaftswahlgang am meisten Stimmzettel (24 Prozent) für den 39-Jährigen ein – für einen Jungspund also, der bei der Bank Rothschild als Firmenfusionierer arbeitete, aber noch nie eine auch nur lokale Wahl bestritten hatte.

Macron hörte eine Stimme – seine

Im 1000-jährigen Frankreich, das gewiefte alte Männer wie Charles de Gaulle, François Mitterrand oder Jacques Chirac ins Élysée entsandte, hat das fast etwas Surreales, Mystisches. Als wäre Emmanuel (Hebräisch: «Gott sei mit uns») wie seinerzeit Jeanne d’Arc einer Stimme gefolgt, die ihn anhielt, Frankreich zu retten.

Macron hörte zweifellos eine Stimme – die seinige. Der charmante, aus dem Nichts gekommene Präsident glaubte felsenfest an sich. Er sei sogar «besessen von sich», ätzt der Sozialist und kurzfristige Weggefährte Julien Dray. Nur so kann ein Schüler seine eigene Lehrerin, eine bestandene, 24 Jahre ältere Familienmutter, erobern und später heiraten. Nur so kann einer ein altes, konservatives Land wie Frankreich im Handstreich nehmen, auch wenn er nicht Napoleon heisst.

Gewiss hatte Macron auch Glück: Wie durch göttliche Fügung wichen alle seine sozialliberalen Gegner zur Seite. Zuerst François Hollande, dann Premier Manuel Valls, schliesslich Alain Juppé: sie räumten mehr oder weniger unfreiwillig den Weg durch die politische Mitte. Der talentierte Monsieur Macron vermag nicht nur «übers Wasser zu gehen», wie das Pariser Blatt «L’Opinion» schrieb – er trennte auch das Meer zur politischen Rechten und Linken, um seine Anhänger sicher zwischendurch zu führen.

«Je t’aime – merde!»

20 000 kamen im April, um ihn in einem Pariser Konzertsaal zu sehen, und er fragte sie mit Inbrunst: «Spürt ihr die Kraft dieser Versammlung?» Als er Luft holte, schrie einer dazwischen: «Je t’aime, Monsieur Macron, merde!» – ich liebe dich, verdammt nochmal! Der junge Kandidat dankte es mit Handkuss, dann stimmte die Halle auf unsichtbares Geheiss die Liebeshymne für die Nation an, die Marseillaise, und die kollektive Kommunion war vollkommen – «allons enfants de la patrie, l’amour est arrivé.»

Die Liebe ist Macrons Programm. In seinem Buch «Révolution» (2016) beschreibt er, wie er in der Provinzstadt Amiens in «Zärtlichkeit und Vertrauen» aufgewachsen sei, um danach in Paris beim Philosophen Paul Ricoeur («Der Eros ist im Sein») unterzukommen. Dann besuchte Macron die Eliteschule ENA, wurde Vizesekretär im Élysée-Palast und rechtzeitig Wirtschaftsminister. «Man bringt nichts Gutes zustande ohne Liebe», schreibt Macron und bekennt sich zu seiner «freudigen Leidenschaft für die Freiheit, Europa, die Wissenschaften, das Universelle».

Welch ein Kontrast zum «Dark Vader» der französischen Politik, der Widersacherin Marine Le Pen. Die Lichtgestalt Macron steht für die Lebensfreude und Energie der Jugend, die keine Konventionen braucht, keinen falschen Respekt kennt.

Bei einer Snapchat-Diskussion schrieb ihm unlängst ein Student, der um Macrons ältere Gattin weiss: «Ich fahre auf meine Strafrechtsprofessorin ab, was soll ich tun?» Zuerst müsse er herausfinden, ob das Gefühl gegenseitig sei, antwortete der Präsidentschaftskandidat. «Wenn dem so ist, nur drauflos, keine Tabus. Wenn nicht, stellen Sie sich selbst infrage.»

Ja, Macron kann mit den Jungen. Er ist ja selber einer. Aber er steht auch seinen Mann. Er ist fähig, inmitten von wütenden Arbeitern und Streikposten das Wort zu führen, wie vorige Woche vor einer Fabrik in Amiens. Er hat in knallharten TV-Debatten erfahrene Polit-Veteranen wie François Fillon oder Jean-Luc Mélenchon aus dem Feld geschlagen.

Macron liebt die Seinen, aber nicht wie ein Kumpel, sondern wie ein Chef. In «Révolution» doziert er, er sei neben dem Prinzip der Gleichheit «immer auch für die vertikale Dimension eingetreten». Die Franzosen hätten den Tod von König Ludwig XVI. 1793 «nicht gewollt» und lebten seither in einer «emotionellen und imaginären Leere». Wodurch sie auszufüllen wäre, sagt der Kandidat auch gleich: «Vom Staatspräsidenten wird erwartet, dass er diese Funktion wahrnimmt.»

Ein Buchtitel ist keine Revolution

Nur, warum heisst sein Buch eigentlich «Révolution»? Das Programm des selbst ernannten Erneuerers ist keineswegs bahnbrechend. Eher biedere Mitte. Wagt sich Macron einmal zu sehr nach links oder nach rechts, rudert er gleich zurück. «Emmanuel spaltet nicht gern, er verabscheut das sogar», meint ein ehemaliger Studienkollege in dem Buch «Emmanuel Macron, ein so perfekter junger Mann» der «Figaro»-Journalistin Anne Fulda. «Er liebt es, wenn ihn alle lieben.»

In der Politik überdauert die Liebe allerdings selten den Wahlsieg. Schon gar nicht, wenn man als Retter der Nation antritt, das heisst als mutiger Reformer, der den verknöcherten französischen Zentral- und Beamtenstaat aufbrechen will. Macron hat die Nation vor dem Le Pen-Gespenst gerettet. Ob er auch das Zeug hat, der französische Tony Blair oder Gerhard Schröder zu werden, muss sich in den nächsten fünf Jahren zeigen. Ein Buchtitel macht noch keine Revolution.