Italien

Das Wunder von L’Aquila oder die «grösste Baustelle Europas»

Am 6. April 2009 bebte in L'Aquila die Erde

Am 6. April 2009 bebte in L'Aquila die Erde

Vor fünf Jahren erschütterte ein Erdbeben die Gegend rund um L’Aquila und forderte 208 Tote. 57'000 Menschen wurden obdachlos. Nun hat auch im «Centro storico» der Wiederaufbau begonnen.

Auf dem Corso Vittorio Emanuele, der (einstigen) Flanier- und Shoppingmeile in der Altstadt von L’Aquila, ist kein Durchkommen mehr: Die an ihrem oberen Ende ohnehin nicht besonders breite Strasse ist versperrt mit Baugerüsten, Zementmaschinen, Kompressoren. Kleinlaster zwängen sich durch das Chaos, Arbeiter holen Material und verschwinden wieder in den Hauseingängen, Ingenieure und Architekten stehen mit wichtigen Gesichtern vor den aufwendig gesicherten, zum Teil schwer beschädigten Barockfassaden. Es klopft, hämmert, knirscht, rumpelt und staubt unablässig vor und hinter den Gerüsten. Alle scheinen in Eile – als wollten sie die verlorene Zeit aufholen.

Fünf Jahre sind verstrichen, seit am 6. April 2009 ein Erdbeben die Gegend rund um L’Aquila erschütterte und 208 Tote forderte. Beim Beben wurden 57 000 Menschen obdachlos; ein grosser Teil der historischen Altstadt von L’Aquila wurde beschädigt oder zerstört, die Bewohner evakuiert. «Zona rossa», Sperrgebiet, heisst seither das Zentrum, in welchem sich bis zum Beben das öffentliche Leben der 70 000-Einwohner-Stadt abgespielt hatte. Von Gebirgssoldaten bewachtes und abgeriegeltes Sperrgebiet ist der grösste Teil der Altstadt noch heute. Denn bis vor wenigen Monaten beschränkte sich der Wiederaufbau fast ausschliesslich auf die Aussenquartiere und das Umland der Abruzzen-Hauptstadt.

Doch jetzt, nach fünf endlos scheinenden Jahren, ist L’Aquila endlich «die grösste Baustelle Europas», wie Bürgermeister Massimo Cialente mit stolzer Stimme betont. Dutzende von historisch wertvollen Gebäuden aus dem Mittelalter, der Renaissance-Zeit und vor allem aus dem Barock werden auf 150 Grossbaustellen gleichzeitig instand gestellt. Baufirmen und Restauratoren aus 92 verschiedenen italienischen Provinzen sind im Einsatz.

«Allein in diesem Jahr haben wir1,4 Milliarden Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung», sagt Cialente. Das sind knapp 120 Millionen im Monat oder 4 Millionen pro Tag. Auf den Tüchern, mit denen die Sanierungsobjekte zum Corso hin verhüllt sind, steht «L’Aquila Rinasce» – «L’Aquila wird wiedergeboren». Alles in allem ein beinahe unvorstellbarer bautechnischer, restauratorischer und finanzieller Kraftakt. Ein kleines Wunder.

Dass es Jahre dauerte, bis im historischen Stadtzentrum die ersten Bauarbeiter auf den Gerüsten erschienen, hat verschiedene Gründe. Einerseits zögerte die italienische Bürokratie den Baubeginn immer wieder hinaus. Staatliche, regionale und kommunale Behörden arbeiteten neben- und mitunter gegeneinander. «Bis ein unter Denkmalschutz stehender Palazzo saniert werden kann, wird erst einmal ein halber Zentner Akten produziert», erklärt Bürgermeister Cialente. Andererseits haben mehrere Fälle von Korruption und Betrug im Zusammenhang mit den Bauaufträgen die Justiz auf den Plan gerufen, was naturgemäss zu weiteren Verzögerungen führte.

Vor allem aber schien es unmittelbar nach dem Erdbeben angesichts der Zehntausenden Obdachlosen sinnvoll, zuerst jene Projekte zu realisieren, die schnell viel neuen Wohnraum versprachen. So hatte die damalige Regierung von Silvio Berlusconi im Umland von L’Aquila innerhalb von nur einem Jahr zahlreiche neue Wohnblocks und Wohnmodule, sogenannte «New Towns», aus dem Boden gestampft, in denen bis heute 18 000 «terremotati» (Erdbebenopfer) leben. Danach wurden die nur leicht beschädigten Häuser an der Peripherie repariert. Die schwerer beschädigten Gebäude wurden abgerissen und wieder neu aufgebaut. Das Resultat: «46 000 der ursprünglich 57 000 Obdachlosen konnten inzwischen in ihre Häuser zurückkehren oder sind in die ‹New Towns› gezogen», betont Cialente.

Ziemlich willkürlich verstreut stehen nun rund um L’Aquila neue, farbige Wohnblocks in der von den majestätischen Gipfeln des Gran Sasso d’Italia und des Monte Velino umsäumten Landschaft. Die historischen Palazzi der Altstadt dagegen konnten nicht einfach abgerissen werden und müssen nun mit technisch aufwendigen Mitteln stabilisiert und anschliessend totalsaniert werden. Das dauert laut Cialente zwischen 24 und 36 Monaten pro Objekt. Die Restaurierung eines einzigen Palazzo kann leicht Dutzende Millionen Euro kosten. Aber das Geld ist da, und der Wiederaufbau des «Centro Storico» läuft auf Hochtouren.

Also Ende gut, alles gut in L’Aquila? Nicht unbedingt. «Es fehlt bis heute am normalen täglichen Leben, an Kultur, an Begegnungsmöglichkeiten», betont der pensionierte Geschichtsprofessor Raffaele Colapietro. Durch die Verteilung der Bevölkerung in die «New Towns» seien die alten Nachbarschaftsbande zerrissen und wegen der Schliessung der Cafés, Restaurants und Kulturinstitutionen im Zentrum fehlten die alten Treffpunkte. Von den einst über 900 Läden der Altstadt sind in der Tat weniger als drei Dutzend übrig geblieben. Bei den meisten handelt es sich um Bars und Imbissbuden für die Bauarbeiter.

Nach Feierabend auf den Baustellen wird das «Centro Storico» – eines der grössten Italiens – jeweils wieder zur militärisch bewachten Geisterstadt. Der 82-jährige Professor wirft Berlusconi vor, die «Aquilani» für Propagandazwecke missbraucht zu haben. Mit den «New Towns» habe er sich als Macher und Wohltäter profilieren können, doch dabei sei das soziale Netz der Stadt zerstört worden. Auch die Verlegung des G-8-Gipfels von Sardinien ins Erdbebengebiet und der medienwirksame Spaziergang des Ex-Premiers mit Barack Obama und Angela Merkel durch die Trümmer der Stadt sei nicht mehr als ein Werbespot Berlusconis in eigener Sache gewesen.

In Wirklichkeit hätten nach Colapietros Einschätzung nur die wenigsten Bewohner der Altstadt evakuiert werden müssen: Der grösste Teil der Häuser sei zwar mehr oder weniger stark beschädigt, aber durchaus noch bewohnbar gewesen. Auch sein eigenes Haus ausserhalb der alten Stadtmauer habe Risse gehabt. Doch der alte Professor weigerte sich beharrlich, seine vertrauten vier Wände zusammen mit seinen Katzen zu verlassen. Erst 2012/13, als sein laut Experten eigentlich unbewohnbares Haus abgerissen und neu aufgebaut wurde, zog er während der Bauarbeiten in ein Provisorium. Trotz der nun angelaufenen Sanierung des «Centro Storico» glaubt Colapietro nicht daran, dass die evakuierten ehemaligen Bewohner der Altstadt wieder zurückkehren werden: «Nach all den Jahren haben sie sich an die neue Umgebung gewöhnt; ihre Kinder gehen in den neuen Vierteln zur Schule.»

Tatsächlich werden noch Jahre verstreichen, bis L’Aquila wieder aufgebaut ist: Bis 2017 ist laut Cialente jedes Jahr eine weitere Milliarde für die Sanierung der Altstadt vorgesehen. Mit einem Abschluss der Arbeiten wird allgemein nicht vor 2021 gerechnet. Doch was die Rückkehr der ehemaligen Altstadtbewohner angeht, ist Cialente sehr viel optimistischer als der pensionierte Professor: Trotz der zahlreichen zerstörten Betriebe und der damit erhöhten Arbeitslosigkeit seien bisher weniger als 2000 «Aquilani» abgewandert. «Das Erdbeben war schrecklich für alle, eine unermessliche menschliche und kulturelle Tragödie», betont das Stadtoberhaupt. «Aber L’Aquila wird wiederauferstehen. Schöner als zuvor.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1