Die Hinrichtung wurde öffentlich angekündigt. Am 26. Juni 1919 titelte die Tageszeitung «Daily News» aus Jackson (Mississippi): «John Hartfield wird heute um 17 Uhr durch einen Mob in Ellisville gelyncht.» So geschah es dann auch.

Zehntausend Männer, Frauen und Kinder waren zugegen, als eine Menschenmenge in einem Dorf in der Provinz des Südstaates Mississippi einen jungen Afroamerikaner zuerst grausam folterte, um ihn dann an einem Baum aufzuhängen und als lebende Zielscheibe zu missbrauchen. Dann wurde Hartfield verbrannt.

Der Gouverneur von Mississippi, wiewohl vorgängig informiert, zog es vor, den Pöbel gewähren zu lassen. «Ich bin machtlos», sagte Theodore Bilbo der «Daily News». Begründet wurde dieses Abseitsstehen der staatlichen Autoritäten mit dem angeblichen Verbrechen, das Hartfield begangen hatte: Er habe einer weissen Frau nachgestellt, und damit gegen die strikte Rassentrennung verstossen. Damit habe er den öffentlichen Tod verdient.

Mahnmal wird heute eingeweiht

Nachzulesen ist das traurige Schicksal, das John Hartfield erleiden musste, in einer Broschüre der Bürgerrechtsorganisation «Equal Justice Initiative», die den mehr als 4000 ungesühnten Lynchmorden an Afroamerikanern im 18. und 19. Jahrhundert gewidmet ist.

Die Organisation ist auch die treibende Kraft hinter dem ersten Mahnmal für die Opfer dieser furchtbaren Vorfälle, das heute Donnerstag in Montgomery (Alabama) feierlich eröffnet wird: «Die nationale Gedenkstätte für Frieden und Gerechtigkeit».

Die Organisation wird angeführt durch den Anwalt und Bürgerrechtler Bryan Stevenson. Er vertritt die Meinung, dass der Terror, unter dem Millionen von Afroamerikanern jahrelang gelitten hätten, sich noch heute negativ auf die Lebensbedingungen der Amerikaner mit dunkler Hautfarbe auswirke. Denn die offen durchgeführten Morde hätten den schwarzen Amerikanern deutlich gemacht, dass sie Freiwild seien und die Behörden ihnen nicht zur Seite stehen würden.

In einem Beitrag für die renommierte Fernsehsendung «60 Minutes» sagte der Afroamerikaner kürzlich: «Wir glauben an die Aussöhnung.» Dies bedinge aber auch, dass in einem ersten Schritt die volle Wahrheit über die Verbrechen erzählt werde, die sich ereignet hätten. Dazu gehört auch, dass die Lynchmorde ein öffentliches Spektakel waren, an dem sich weisse Amerikaner ergötzten – wie alte Postkarten und Fotos beweisen.

Das Mahnmal in Montgomery besteht aus mehr als 800 Steinblöcken, die sämtliche Verwaltungsbezirke symbolisieren, in denen Lynchmorde begangen wurden. Stevenson will seine Gedenkstätte auch als Anstoss verstanden wissen, eine Debatte über die Brutalität zu eröffnen, mit der Afroamerikaner in den USA behandelt würden.